DIE ZEIT

Dienen will ich“ heißt die Aufschrift auf einem der über tausend Briefmarkenentwürfe, zu denen die Bundespost aufgerufen hatte, um eine „repräsentative deutsche Briefmarke“ herauszubringen. Wer weiß, wer hier nun eigentlich wem dienen soll: die Post dem Kunden oder der Entwerfer der Post, oder ob der Spruch sozusagen als eine allgemein menschliche Parole aufzufassen ist; eins steht jedenfalls fest: der Kunst hat der Einsender (und mit ihm seine meisten Kollegen) nicht gedient. Und wenn die Bundespost, vorsichtig geworden durch den gegen sie erhobenen Vorwurf der „Geschmacksverirrung“, sich mit ihrer eigenen Entscheidung weise zurückhält und in Wanderausstellungen in allen größeren Städten Deutschlands ihre „Kunden“ durch Stimmzettel selbst erklären lassen will, welche Marken sie mögen, so braucht man ihr hier nicht einmal den Einwand entgegenzuhalten, daß sie durch eine solche Methode wahrscheinlich nicht den künstlerisch wertvollsten Entwurf als künftige Briefmarke ermitteln wird. Denn diese Entwürfe klammern sich zunächst einmal an alte bewährte Motive; mindestens 300 Einsender hielten es mit der Brieftaube, die ja zumeist auf den Marken ein recht dummes und ausdrucksloses Profil bekommt. Fast ebenso viele begnügten sich damit, um die Wertzahl „20“ ein mehr oder weniger konservatives Ornamentgeschlinge zu legen, während viele die deutsche Familie – sie gruppiert sich meistens um eine junge Eiche – herhalten ließen. Eine solche „Familie“ war denn auch bereits von der Post prämiiert worden – freilich nur mit einem Zusatzpreis, während der erste -Preis einem Entwurf zuerkannt worden war, auf dem ein stilisierter Jüngling mit ausgebreiteten Händen eine Brieftaube entläßt. Viele der Einsender hielten es mit Friedens-, Freiheits- und Einigkeitssymbolen, und jene, die mit der Symbolik nicht so gut standen, hatten diese preisenswerten Zustände einfach mit Buchstaben hineingeschrieben.

Aber wie gesagt – nur wenige hielten es mit der Kunst. Und angesichts dieser Tatsache fragt man sich, ob die Bundespost nicht besser daran getan hätte, wenn sie bedeutende Künstler – zum Beispiel Gerhard Marcks – mit einem Entwurf für eine „repräsentative Briefmarke“ betraut hätte. P. H.