Von Johannes Jacobi

Seit ein paar Jahren gibt es neben den Wintertheatern und den sommerlichen Freilicht- oder anderen Festspielen eine dritte Gattung Theater, die keine Beziehung zur Jahreszeit zu haben scheint. Den herkömmlichen Bahnenkategorien hat sie sich angeheftet wie die Apokryphen den kanonisierten Schriften der Bibel. Wir meinen die Zimmertheater. Sie sind freilich nicht dort geblieben, wo sie entstanden: im ausgeräumten Zimmer oder der Diele einer großen Privatwohnung. Auch ohne Karren zog Thespis im Hause auf und ab: in eine Mansarde, ein Atelier oder in einen Keller. Sogar „städtische“ Bühnen fanden Geschmack an der Schmalspur eines „Studios“ und räumten ihm den Zeichensaal einer Schule oder einen aufgegebenen Probensaal ein.

Das Wort „Zimmertheater“ scheint bereits anrüchig geworden zu sein. Es schmeckt nach Not oder Snobismus, und da die Zimmertheater Pilze verwelken, wie sie aus dem Boden schossen, entwickelt man zur Rechtfertigung von Neugründungen munter Theorien. Danach soll dem Theater eine andere geistige Haltung eignen, je nachdem seine Zuschauer Treppen erklimmen müssen, um etwa in ein Schwabinger Atelier oder in Gmelins Hamburger Dachwohnung „hinauf“ zu steigen, oder ob sie in die „Tiefe“ gehen, in einen Keller, in die Katakombe eines Luftschutzbunkers. Fred Schroer zum Beispiel hat bereits um sein improvisiertes „Einraumtheater“ unter der Erde der Bundeshauptstadt Bonn einen „Contra-Kreis“ gegründet. Hundert Mitglieder, die weitere Hunderte von Gästen heranführen sollen, bilden ein soziologisches Fundament. Geistig verkittet ist es durch die Ablehnung jeglicher Vorurteile und durch den Willen zum Aufspüren der „Elemente“ und des „Absoluten“ im Kunsterlebnis. Man sucht es im Gespräch zwischen modernen Bildern, bei Musik, Lesung und – vor allem – nach den Aufführungen im „Einraumtheater“. Daß auch diese Organisation mangels jeder äußeren Förderung bei den „Elementen“ des Komödiantentums wieder anfangen muß, dem Selbermachen von allem und jedem, wird nicht als Rückfall in die Hilflosigkeit der Schmiere empfunden. Es wird anerkannt als Rückkehr zu dem komödiantischen Quellgrund des Theaters, der Faszinationskraft des universalen Schauspielers. Es bleibt die entscheidende

Frage: Ist das Ganze nur phrasenhaft kaschierte Armut, aus der ein unverwüstlicher Komödiant nach Arbeit und nach Unabhängigkeit sucht? Oder drängt ein spekulativer Kopf mit der Begabung zum Manager nach der vom marktgängigen Geschäftstheater freien Bildung soziologisch haltbarer, durch das Kunstwerk geeinter Zuschauerkreise?

Das Zimmertheater – nennen wir es das Theater der Dichte – verstärkt den Induktionsstrom zwischen Darsteller und Publikum. Weder Entfernung noch Raum noch Rahmen stehen als Isolationsschicht oder filtrierendes Medium zwischen dem Spiel und seiner Wirkung. Jede Schwingung des Darstellers wird vom Zuschauer in einem psychischen Oszillationsvorgang gleichsam durch die Haut aufgenommen. Ein Ziel, das von Max Reinhardts Experimenten im Berliner Großen Schauspielhaus bis zu den als „Raumbühnen“ neu gebauten modernen Theatern in der Überwindung der Rampe angesteuert wurde, ist im „Zimmertheater“ erreicht. Näher geht’s nimmer. Bei Schroer sitzen die Zuschauer sogar an allen vier Seiten um die Spieler herum. Die Dekoration ist an die Wände verlegt, der Raumschmuck des „Theaters“ identisch mit dem Bühnenschmuck. Der Zuschauerraum ist überhaupt eliminiert. Es gibt nur noch die Bühne, auf der auch die Zuschauer sitzen. Diese Aufhebung des Gegenüber löst nicht nur die überkommene Gliederung der Handlung in unausgesetztes Spiel auf, das nur durch Licht und akustische Akzente rhythmisiert wird. Das Zimmertheater folgt dem Film, der ihm in der Überwindung der „Akte“ voranging, auch mit darstellerischen Komponenten, die an den Film erinnern. Gehörte es zum Stil des Distanztheaters, den fernsitzenden Zuschauer zu erobern, ihn mit steigernden Mitteln zu überrennen und hineinzusaugen in den Handlungsraum der Bühne, wobei jede Natürlichkeit im landläufigen Wortsinne vom Übel sein mußte, so arbeitet das Zimmertheater genau umgekehrt: mit Untertreibung des Ausdrucks, mit Schlichtheit, intensivem Sein anstatt extensiven Spiels. Dieser neue Zusammenschluß zwischen Darsteller und Zuschauer ist so dicht, daß er zum stilistischen Grundgesetz wird und daß gelegentlich sogar Sicherungen eingebaut werden müssen, um Fehlzündungen zu vermeiden. Denn es kann nicht das Ziel einer Theatervorstellung sein, daß ihre ergriffenen Zuschauer in Schreikrämpfe ausbrechen.

So schätzenswert die neue Fesselung des Publikums an den Darstellungsvorgang ist – sie wäre verhältnismäßig bedeutungslos, da sich das Fassungsvermögen solcher Bühnen zwischen 80 und 150 Personen bewegt. Ein Auftrieb der allgemeinen Theaterfreudigkeit ist also davon kaum zu erwarten. Aber erfahrungsgemäß wirkt sich die unausweichliche Übertragungsdichte auch als Kriterium für geistig unterwertige oder indifferente Stücke aus. Das Zimmertheater drängt den Spielplan zu einer Wesenhaftigkeit der Aussage, die eine Menge der gängigen Konfektion, einfach ausschließt. Damit qualifiziert sich die Zimmertheaterbewegung, wenn sie ihre möglichen Aufgaben erkennt, als eine Rückzugsposition des geistig anspruchsvollen, auf Werthaftigkeit gerichteten Theaters. Die erste Nachkriegszeit hatte mit ihren Behelfsbühnen eine Chance dieser Art auch dem allgemeinen Theater gegeben. Sie wurde nicht wahrgenommen. Mit der Rückkehr des Komforts drängte das Publikum auch im Theater wieder zu „Größe“ und „Genuß“. In der Nachgiebigkeit gegenüber diesen repräsentativen und kulinarischen Tendenzen glauben die Stadt- und Staatstheater heute ihre letzte Chance zur Lösung der Besuchskrise zu haben. Demgegenüber ist das Zimmertheater ein Theater dies geistigen und sozialen Widerspruchs gegen die Verflachung der Unterhaltungsbühne und eine Zuflucht kleiner Kreise zum künstlerisch gestalteten Geist. weckt, das des Reizes nicht entbehrt. Wer weiß, vielleicht findet sich eine finanzkräftige Filmgesellschaft in Hollywood, die den Arzt Sinuhe sogar auf die Leinwand bannt ... H.S.

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Zu J. van Arkel Zegwaards Roman „Frauenarzt Dr. van Laer“, einem Bastard aus vielversprechender und nichtssagender Sexualaufklärungsbroschüre und penetrant parfümiertem Kitschroman, wäre nichts als eben nur dies zu sagen, hätte nicht dieses kläglich, aber auch klüglich spekulierende Buch in Holland einen Bestseller-Erfolg eingeheimst; denselben Erfolg wünscht sich der Vier-Falken-Verlag, Düsseldorf, der das ungewöhnlich niveaulose Buch in einer ungewöhnlich schlechten Übersetzung vorlegt. Auf einer einzigen Seite lesen wir von den „letzten Hoffnungen auf Verwirklichung des in jeder normalen Frau lebenden Verlangens nach einem Kinde“, die aufgegeben werden muß (statt müssen), was alsdann die Hölle ist – und so muß denn die Patientin, der solches droht, „unter dem Flüche dieses Gespenstes leben“. So geht es 300 Seiten hindurch weiter zwischen Hormonpropaganda, Andeutungen über Knaus-Ogino, stimmbebendem Ethos und miserabler Spekulation auf den Reiz des Themas. Im rechten Moment wird der Wandschirm vor die Szene gerückt, um genau dann den Anstand zu wahren, wenn diejenigen Leser, die auf Bücher solcher Art fliegen, den verdammten Schirm gefälligst beiseitegerückt wissen wollen. Kann sich der Verlag Rudolf Herzogs nicht auf deutsche Hausmacherware beschränken? Hat es ihn gar zu sehr verlockt, einen Erfolg – wenn auch (hinter dem Schirm – mit der Zange zu holen? Herbert Fritsche