Noch den ersten Weltkrieg überlebte ein Restjenes Glaubens, nach welchem die wahre Erbin der deutschen klassischen Philosophie die Arbeiterbewegung sein und Erwerbung von Wissen den Weg zur Macht bereiten sollte. Heute ist Ratlosigkeit die Basis der Philosophie, und allzu stark schlug die Kompaßnadel nach der andern Richtung aus: zum Sport und zum Nichtmehrwissenwollen. Wo heute ein neuer Idealismus sich um die Bildung der Massen bemüht, geschieht es mit vorsichtiger Scheidung rein technischen Wissens vom ästhetischen Bildungswissen, Um so dringlicher sind die unmittelbaren Aufgaben, die unsere Zeit den Volkshochschulen stellt. Flüchtlinge, friedenswillige alte Berufssoldaten, eine Jugend, die Rat und Einsicht in die Zeitläufte sucht – das sind nur einige der Gruppen, die sich heute an solche Institutionen wenden.

Drei Arten von Wissen unterschied Max Scheler – seinerzeit noch im lebhaften Widerspruch zur positivistischen Universitätslehre – als wichtig für den Abendländer: das pragmatischtechnische, das Bildungs- und das Erlösungswissen. Das letzte neben den Glauben zu stellen, versucht heute auch die kirchliche Arbeit. „Weltliche“ Institutionen – und dazu gehören die Volkshochschulen – zwingt die Anerkennung Jener Dreiheit zu einer intensiven Durchdringung mit Philosophie, die dadurch einer Prüfung ausgesetzt wird, ob und wieweit sie als Waffe taugt gegen die heimliche Verlockung zu einer Rückkehr in die Mystik des Dritten Reichs.

Einen Augenblick mag es nach der Währungsreform geschienen haben, als seien all diese Anliegen. Hirngespinste, die zusammen mit so vielen anderen vor der neuen Realität verfliegen müßten. Die Volkshochschulen hatten einen starken Rückgang der Besucherzahlen zu verzeichnen in Kursen, die sich mit derartigen Fragen befaßten. Aber dann war gerade ihnen – nicht mehr den Universitäten oder den einzelnen „Intellektuellen“ – ein offenbarer Triumph beschieden: das Ansuchen der Gewerkschaften, mit ihnen eine Arbeitsgemeinschaft zu bilden, in der wiederhergestellt werden sollte, was völlig verlorengegangen war: ein Selbstbewußtsein des Arbeiters, nicht mehr im Sinne des Klassenkampfs sondern auf. Grund einer Einsicht, deren Formulierungen, fast wörtlich übereinstimmen mit der neuen evangelischen Parole: „Rettet den Menschen!“

Die Volkshochschulen wären die letzten, diesem neuen Idealismus zu mißtrauen. Selbst die Gefahr einer „Überfremdung“ erscheint nicht aktuell, und die Tagung in Neustadt, die der schleswig-holsteinische Landesverband der Volkshochschulen in diesen Tagen abhielt, zeigte, wie sehr an. dieser Stelle das allgemeine menchliche Problem den Vorrang hat vor engeren politischen Interessen.

Trotzdem bleibt für diese Stätten der Erwachsenenbildung noch viel zu tun, was nicht getan werden kann aus Mangel an Geld. Der merkwürdige Zustand ist eingetreten, daß da, wo reeducation aus eigenen Kräften geschehen könnte, ein Kulturschema, das zugleich ein Etatschema ist, gedankenlos den geeignetsten Weg versperrt. Den Flüchtlingen und Vertriebenen, und nicht zuletzt den aufs Land verschlagenen Städtern wie der beunruhigten Landbevölkerung selbst hätte man manches von der Verhärtung ihrer Gesinning nehmen können. P-g