Protestantisches Fazit eines interkonfessionellen Gespräches

Von unserem Sonderberichterstatter

P. W. Bonn, im August

Die steigende Beachtung, deren sich die christlichen Kirchen heute als ideologische Kraftzentren im Spiel der politischen Mächte erfreuen, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß das eigentliche theologische Anliegen dieser Kirchen, der ganze Bereich der Glaubensfragen, einem wesentlich geringeren Interesse in der breiten-Öffentlichkeit begegnet. Und doch fallen gerade auf diesem Gebiete die eigentlichen Entscheidungen. Diese Auffassung ergibt sich mit Notwendigkeit für jeden, der auf dem Boden der christlichen Erkenntnis steht, daß Geschichte kein bloßer Ablauf von immanenter Kausalität, sondern ein nach Gottes Hilfsplan gestalteter Prozeß ist mit dem Ziel, das die zweite Bitte des Vaterunsers lapidar ausspricht: Dein Reich komme.

Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet darf die vor kurzem abgeschlossene Tagung des Katholischen Akademiker Verbandes in Bonn weit über die Kreise der Fachtheologen hinaus Anteilnahme beanspruchen. Denn hinter der Formulierung des Tagungsthemas: „Die Kirche nach der Glaubensspaltung“ stand unausgesprochen die Frage nach der Una saneta, der einen, die ganze Christenheit umfassenden, heiligen Kirche. Das Gewicht und der Ernst dieser Frage wird deutlich, wenn man sich gegenwärtig hält, daß es sich hier nicht nur um fromme Menschenwünsche, sondern um ein unabdingbares Gebot des Herrn handelt.

Man hatte in Bonn die Therapie des interkonfessionellen Gesprächs mit einzelnen geladenen Protestanten gewählt und, wem’s genügt, der mag erfreut feststellen, daß dies consilium am Krankenbett des corpus christi mysticum in einer Atmosphäre der Versöhnlichkeit stattfand, die der Humanität der Teilnehmer alle Ehre macht. Wichtiger ist, daß sich in diesen sieben Tagen mit Gottesdiensten, Vorträgen und Diskussionen das Selbstverständnis der katholischen Kirche und die Position des protestantischen Gesprächspartners in katholischer Sicht mit einer Deutlichkeit herausschälte, die eine klare Diagnose des Leidens möglich macht.

Es erwies sich nämlich, daß der fundamentaltheologische Gegensatz in der Rechtfertigungs-Jahre und selbst in der Auffassung des Altarsakraments – der sich übrigens im Bewußtsein der evangelischen Laien schon längst verwischt hat – auch für die Fachtheologen kein unübersteigbares Hindernis mehr zu bilden scheint, wobei man katholischerseits besonders auf die Arbeiten Hans Asmussens hinwies. Dei entscheidende Gegensatz liegt vielmehr in der Auffassung von der dogmenbildenden Kraft und dem Lehramt der Kirche, die für den Katholiken das Essentiale seines Kirchenbegriffs überhaupt darstellen. Gegenüber der evangelischen Behauptung der sola scriptura, das heißt der Bibel als einziger Glaubensquelle, wies man darauf hin, daß letztlich auch das Neue Testament aus der Glaubenstradition der apostolischen Urgemeinde erwachsen sei, als deren Nachfolger in jedem Sinne die katholische Kirche sich immer verstanden hat.