/ Von Richard Tüngel

Immer wieder kann man hören, der Überfall der Kommunisten auf Südkorea habe die nichtkommunistische Welt aufgerüttelt. Die Gefahr, daß alle westliche Freiheit verlorengehen und daß sowjetrussische Tyrannei in Zukunft über die Erde herrschen könnte, sei plötzlich auch denen deutlich geworden, die bisher von ihr nichts wissen wollten. Nunmehr aber habe man sich ernstlich entschlossen, der Gefahr zu begegnen und auch die Opfer zu bringen, die notwendig sind, um dieses Ziel zu erreichen. Doch – so müssen wir fragen – ist dies wirklich der Fall? Oder haben wir es hier wieder einmal mit Reden zu tun, denen keine Taten entsprechen?

Am 14. Juli hat der Generalsekretär der UNO Trygve Lie auf Grund eines Berichtes, in dem es hieß, daß „die Streitkräfte der UNO in Korea dringend eine zusätzliche wirksame Hilfe benötigten“, an 50 Mitgliedsstaaten die Aufforderung gerichtet, sie möchten prüfen, ob es ihnen nicht möglich sei, Kampfverbände, insbesondere Bodentruppen, nach Südkorea zu entsenden. Mit verständlichem Stolz gab er vier Tage später bekannt, er habe von keiner der Mächte, an die er sich gewandt habe, eine Absage erhalten. Doch rund vier Wochen später, am 17. August, sah sich General MacArthur, der Oberbefehlshaber der UNO-Truppen in Korea, erneut gezwungen, einen dringenden Appell an die Vereinten Nationen zu richten, ihn unverzüglich mit Bodentruppen zu unterstützen. „Bisher“, so stellte er fest, „sind lediglich seitens der USA Kampfdivisionen für die Erdkämpfe zur Verfügung gestellt worden,“ Wie also sieht die Hilfeleistung bei näherer Betrachtung aus? Wie steht es mit dem Erwachen der nichtkommunistischen Welt?

Beliebte Angebote waren Lazarette und Arzneimittel. Hierzu meldeten sich die Regierungen von Schweden, Dänemark, Indien, Israel, Ecuador und Abessinien. Transportraum wollen Norwegen, Griechenland, Panama und Kanada zur Verfügung stellen. Flottenstreitkräfte haben Großbritannien, Frankreich (das durch seinen eigenen Krieg in Vietnam sehr angespannt ist), die Niederlande, Neuseeland und Kanada eingesetzt. Ein Geschwader von Jagdflugzeugen bietet Südafrika an. Die ersten Staaten, die sich zur Entsendung von Bodentruppen bereit erklärt haben, waren die Türkei, die Philippinen (die bereits Sherman-Panzer geschickt haben), Thailand und Neuseeland. Die Niederlande werden zwei Kompanien schicken, Großbritannien 6000 Mann, davon einen Teil jetzt, den Rest in drei Monaten, Australien 2000 Soldaten, von denen ein Bataillon als Voraustrupp in sechs Wochen in Marsch gesetzt werden soll, und Kanada eine Freiwilligen-Brigade mit einem Bestand von 4 bis 5000 Mann, die aber noch mindestens fünf Monate lang ausgebildet werden sollen. Die Mehrzahl der süd- und mittelamerikanischen Staaten endlich und die Arabische Liga wollen über ihren Einsatz noch beraten.

Dies ist die Hilfe, die von den Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen für die UNO-Streitkräfte bisher vorgesehen worden Ist. Währenddessen kämpfen amerikanische Divisionen und Südkoreaner ganz allein am Naktong-Fluß einen erbitterten Kampf. Die amerikanische Heimat zeigt sich dieser Anstrengung würdig. Zur Verstärkung der kämpfenden Truppe haben die Vereinigten Staaten Reservisten einberufen in einer Stärke, die das, was die „freie Welt der nichtkommunistischen Staaten“ bisher angeboten hat, um ein vielfaches übertrifft, Der amerikanische Soldat schlägt sich in Korea mit bewundernswerter Tapferkeit, und die amerikanische Nation ist verbissen entschlossen, ihm zu helfen und die Opfer zu bringen, die hierfür nötig sind. Wie verhält sich demgegenüber die übrige nichtkommonistische Welt? Ihr Beitrag zum Koreanischen Krieg ist gering. Doch heißt dies vielleicht, daß man alle Kraft auf die eigene Aufrüstung wenden will, um den Vereinigten Staaten wenigstens die schwere Bürde der Waffenhilfe zu erleichtern?

In Washington hat man offenbar die gleiche Frage gestellt. Gelegentlich des amerikanischen Angebotes, den Nationen des Atlantikpaktes vier Milliarden Dollar als zusätzliche Hilfe für ihre Aufrüstung zu gewähren, hat man höflich angefragt, welche Anstrengungen denn eigentlich die europäischen Regierungen angesichts der gefährlichen Lage für die Verteidigung Westeuropas zu machen gedächten. Wieder waren es, wie bei der Hilfeleistung für Korea, die kleinen Nationen, die verhältnismäßig die größten Anstrengungen versprachen, ohne noch weitere amerikanische Mittel zu fördern. Großbritannien hingegen erklärte, die Last der geplanten Aufrüstung sei so schwer, daß dadurch „der Wiederaufbau verzögert würde und die Verbesserung der Lebensverhältnisse zurückgestellt werden müßte“. Infolgedessen sei es erforderlich, daß die Vereinigten Staaten die Lasten der Aufrüstung übernähmen und dabei müßten Großbritannien Dollars zur freien Verfügung gestellt werden, die „in irgendeinem Teil der Welt ausgegeben werden können“. Von diesem Beispiel angeregt, hat auch Frankreich amerikanische Subsidien gefordert, die anscheinend ungefähr den Mehrausgaben entsprechen, die man in Paris für eine erhöhte Rüstung auszugeben bereit wäre.

Das ist die gleiche Haltung, die schon in der Koreakrise zutage getreten ist. Man ist sich zwar klargeworden über die Gefahr, die vom Kreml droht, aber man will, ganz anders als in den Vereinigten Staaten, den Lebensstandard nicht senken, der Regierung und Wählern so sehr befragt, Als ob es möglich sei, Sicherheit zu gewinnen ohne sich Entbehrungen aufzuerlegen!