Die Schrift eines Wichtleins zu erwähnen, das offenbar seine Sinne nicht beieinander hat, wäre nicht der Mühe wert, wenn nicht gewisse Umstände Aufmerksamkeit erforderten. Titel: "Die letzte Frage". Inhalt: Wilder Antisemitismus. Verfasser: Severin Reinhard. Und nachdem man 36 Seiten lang durch einen Stil gemartert wurde, darin jede Silbe den Lügner verrät, findet man ein Inserat: "Reinhard-Schulung, Privatunterricht, Lehrkurse, Fernschulung. Leitung: René Sonderegger". Reinhard und Sonderegger sind also verschiedene Namen für denselben Narren, und es ist wahrscheinlich, daß er außerdem noch als "Sidney Warburg" in Erscheinung getreten ist; wir werden noch erfahren, warum...

Es mag ja nicht erstaunlich sein, daß irgendein verbohrter Fanatiker an der Irrlehre des-Antisemitismus festhält, auch nicht erstaunlich, daß die freie Schweiz den freien Schweizer Sonderegger ruhig darin gewähren läßt, eine regelrechte Schule für Antisemitismus aufrecht zu halten. In Zürich nämlich, wo Sonderegger lebt und übles wirkt, kann gottlob jeder frei seine Meinung sagen, auch ein Narr. Erstaunlich aber ist, daß dieser Antisemiten-Prediger sowohl für sein früheres Buch "Spanischer Sommer" einen Verleger gefunden hat, den schweizerischen Ähren-Verlag, Affoldern, als auch, daß er seine neue, im "Reinhard-Schulung-Verlag" erschienene Schrift "Die letzte Frage" mit schönem, teurem Papier ausstatten konnte. Herr Sonderegger hat also zweifellos Hintermänner, die es ihm ermöglichen, seine Broschüre in die Welt und auch nach Deutschland zu schicken, wo es nach all den Jahren gründlicher Hitler-Schulung vielleicht noch Leute gibt, die auch für die Reinhard-Schulung ein Ohr haben. Er schickt die Schrift auch an Redaktionen; so tat er auch im Falle seines antisemitischen "Spanischen Sommers", und was geschah? Es gab sogar angesehene Blätter, die kritiklos ein Referat veröffentlichten. Auf diesem Umweg vernahmen dann weite Leserkreise, daß Hitler durch niemanden anderen an die Macht gebracht worden sei als durch die – Juden. Welche "Offenbarung" für die nach alliierter Version kollektivschuldigen Deutschen! Nicht nur nach Hitlers fanatisch-böser Meinung waren die Juden an allem schuld, sondern nach Reinhards Meinung sogar schuld am Sieg des Hitlerismus selbst. Diese Argumentation – so verrückt sie ist – ist nun freilich geeignet, uns Deutsche sowohl von der Schuld an den Juden als von der Schuld am Nationalsozialismus freizusprechen...

Reinhard zitiert zu diesem Zwecke eine "verschollene" Publikation, die unter dem Titel "Die Geldquellen des Nationalsozialismus" tatsächlich im Verlag von Holkema & Warendorf, Amsterdam, entweder 1935 oder 1938 erschienen ist. Als Autor wurde ein "Sidney Warburg" genannt, der sich als "ein Mitglied der einflußreichen amerikanischen Bankierfamilie Warburg" ausgab und dem man nun gern die interessante Schilderung abnahm, wie er durch die Vermittlung einer Anleihe von vielen Millionen Dollar an Hitler diesem in den Sattel geholfen hatte. Gerade diese Story aus dem "Spanischen Sommer" haben angesehene Zeitungen ahnungslos nachgedruckt. Was verschlägt es, daß es einen "Sidney Warburg" nicht gibt, nie gegeben hat, erst recht nicht in der Bankierfamilie Warburg –: Reinhard beruft sich auch neuerdings auf ihn als Zeugen! Was verschlägt es, daß der holländische Verlag die Exemplare jener Broschüre hat einstampfen lassen, sobald erwiesen war, daß sie eine aufgelegte Hintertreppenlüge war – Reinhard weiß sehr wohl darum, dennoch zitiert er sie, er, der offensichtlich sein eigener Zeuge ist.

Bleiben wir beim Exempel Warburg, denn hier ist Sondereggers Maß am größten. Und es läßt auf die "Wahrheit" aller seiner Angaben schließen, wenn man untersucht, was Wahres an seinen Ausführungen über die Warburgs ist. Es ist fast alles falsch, ja, falsch bis in kleinste Kleinigkeiten hinein. Weder sind die Warburgs je Zionisten gewesen, wie er behauptet, noch ist, wie er behauptet, der letzte Inhaber des Hamburger Stammhauses Anno 1938 nach Amerika "geflohen": er ist auf Besuchsvisum nach New York gereist und dann, wider seine Absichten, nicht zurückgekehrt, weil inzwischen die schweren Judenpogrome eingesetzt hatten. Und wenn man, um auf den Grund der Schmähungen zu gehen, die Reinhard gegen das Andenken des vielleicht bekanntesten Mitglieds dieser Bankierfamilie, nämlich gegen Paul M. Warburg, richtet, in dessen Buch The federal Reserve System blättert, begreift man bald die ganze Bosheit des schweizerischen Pamphletisten: Paul M. Warburg war vor dem ersten Weltkrieg und während desselben führend an der Gründung jenes amerikanischen Banksystems beteiligt, das man vielleicht als eine Art amerikanischer Reichsbank bezeichnen kann. 1918 trat er zurück, und man muß den Rücktrittsbrief Warburgs an den Präsidenten Wilson lesen, wenn man ein Dokument voll menschlicher Größe sehen will. Er, der mehr als zehn Jahre gezögert hatte, ehe er sich entschloß, die amerikanische Staatsangehörigkeit zu erwerben, trat von seinem prominenten Amt zurück, weil er – nicht als Jude, aber als Deutscher Anstoß erregte. ("Ich habe zwei Brüder in Deutschland... Sie dienen selbstverständlich ihrem Vaterland mit all ihren Fähigkeiten, wie ich dem meinen diene.") Ein ehrlicher Makler und ein Mann von echter Würde, der im neuen Lande die Heimat wert hielt und in dem daraus entstehenden Konflikt die Konsequenzen zog und sozusagen die seelischen Kosten in Weisheit und Stolz auf eigene Rechnung nahm.

Solch einen Mann greift Reinhard an. Und hätte sich nicht herausgestellt, daß man ihm – da er ja aus der freien Schweiz schreibt – da und dort in Deutschland glaubt, es wäre über diesen hysterischen Antisemiten kein Wort zu verlieren... Josef Marein