Es gibt eine Jugend, die begeistert für Europa kämpft. Von mindest gleich großem Elan erfüllt, sind diese Jungen die echten Gegenspieler der FDJler. Als sie sich unlängst in München trafen, bei der Tagung des „Europäischen Jugendforums“, beschlossen sie, eine Abordnung nach Straßburg zu senden. Und so geschah es...

Aufstellung einer starken europäischen Armee zum Schutze dessen, was wir aufzubauen gewillt sind, zugleich mit der Freiheit des einzelnen, das Recht der Kriegsdienstverweigerung für sich in Anspruch zu nehmen.“ Dies war eine der Entschließungen unseres Jugendforums zu München. Und schon erhob sich die Frage, ob man die gefaßten Entschließungen nicht gleich zum Europa-Rat nach Straßburg bringen sollte. Und da ein Plan bei jungen Menschen rascher zur Ausführung kommt, als bei den „Steinzeitdemokraten“ der Parlamente, fuhr schon um Mitternacht des folgenden Tages ein Autobus mit 40 gewählten Vertretern des 2. Europäischen Jugendforums in Richtung Karlsruhe. Kurze „taktische Lagebesprechung“ in Kandel. Dialektkundige ließen sich von der einheimischen Bevölkerung über die besten Möglichkeiten eines Grenzübertrittes unterrichten, denn niemand von uns hatte einen Paß nach Straßburg. Man wählte den Ort Schweigen als Übergangspunkt, und voller Spannung bestiegen wir wieder den Autobus, der inzwischen auf beiden Seiten des Kühlers die Flagge des Europa-Rates, das grüne „E“ auf weißem Grunde, trug. „Die Jugend Europas erkennt keine nationalen Grenzen an“ – diese Inschrift prangte an der einen Seite des Autos. Vorn und hinten die gleiche Parole in Englisch und Französisch.

– Die deutsche Grenze wurde erreicht. Vorn im Wagen auf der ersten Sitzbank saßen ein Holländer, zwei Deutsche und ein Engländer. Falls die Passiererlaubnis nicht gegeben würde, wäre es ihre Aufgabe, die Durchfahrt für einige Augenblicke „freizumachen“. Doch nur zwölf Minuten dauerten die Verhandlungen mit den deutschen und französischen Zollbeamten. Die Grenzen öffreten sich, und der Bus rollte langsam an. Die Fahrt war von da ab fast ein Triumphzug. Arteiter, Postboten, Soldaten, Frauen und Kinder auf den Feldern, an den Straßenrändern, in den Dörfern und sonstigen Ortschaften winkten und erwiderten den Ruf: Vive l’Europe!

Was mich aber am meisten betroffen machte, war ein Gespräch, dem ich lauschen konnte, ein Gespräch, das zwei Wageninsassen führten, als sie in der Gegend von Weißenburg beide das Gelinde wiedererkannten, indem sie sich zur gleichen Zeit, beide als Kompanieführer mit ihren Einleiten, feindlich gegenübergelegen hatten. Heute fuhren sie Seite an Seite auf ein gemeinsames Ziel: Straßburg.

Straßburg – ein Meer von Fahnen. Das Maison l’Europe – ein hellermoderner Bau. Während die ausländischen Freunde zu den Vertretern ihrer Länder gingen, besuchten wir Deutschen unsere Delegation. Wir Jungen fanden, daß die Atmosphäre jenes vielbesprochenen Hauses jung und spannungsgeladen sei. Doch in den Plenarsaal war kein junges Gesicht zu finden. Schließlich ein Empfang der Mitglieder des „Deutschen Jungen Rates“ bei dem Präsidenten Henri Spaak. Er gab die Zusicherung, daß erdie Forderungen und Vorschläge der jungen Generation den einzelnen Vertretern zuführen und die Sprache im Plenum darauf bringen wollte. Was konnten wir vorerst mehr verlangen!

Friedrich v. Friedeburg