Daß Wundertäter wie Bruno Gröning Erfolg haben, ist ein sichtbares Zeichen für die Krise der Medizin. Daß die Krise der Medizin nicht behoben wird durch die Erfindung eines neuen Mittels (und sei es auch das Penicillin), ist diesen Magiern meistens klarer als vielen Ärzten. Da ein positivistischer Fortschrittsglaube nur noch in Amerika, nicht aber mehr in Europa einen Hund hinter dem Ofen hervorlocken kann, sinkt das Zutrauen zum Arzt fast mit jedem neuen Mittel, das er anweidet. Überdies haben die meisten Krankieiten unserer Zeit eine seelische Komponente und sind deshalb gegen medikamentöse Therapie immun. Durch diese, eigenartige Verlagerung der Krankheiten ins Seelische ist der Psychiatrie in der Medizin ein Vorrrang zuteil geworden. Heute muß man nun feststellen, daß die Psychiatrie als Disziplin innerhalb der naturwissenschaftlichen Medizin ihrer Aufgabe oftmals nicht gewachsen war; die Folge davon ist die Ablösung des Psychiaters, die durch den Karten- und Handdeuter in obskuren Großstadtstraßen beginnt und beim wissenschaftlich arbeitenden Psychotherapeuten aufhört

In Hahnenklee im Harz hat ein noch junger Arzt – Dr. Dogs – ein Sanatorium eingerichtet, in dem er etwa 20 bis 30 Patienten psychotherapeutisch behandelt. Zu ihm kommen Menschen aus allen Berufsschichten und mit den verschiedensten Anliegen. Da ist eine Frau, die in einer unglücklichen Ehe lebt und an Herzbeschwerden leidet; neben ihr sitzt im Liegestuhl im Garten des Hauses eine Sekretärin aus Hannover. Sie ist aus dem Dienst entlassen worden, weil sie Aufträge ihres Chefs vergaß, Sachen verlegte, in diktierten Briefen Fehler überlas – „aus Gleichgültigkeit und schlechtem Willen“, sagt ih Chef – „ich konnte mich einfach nicht mehr konzentrieren“, sagt sie. Ein Beamter aus einer westdeutschen Großstadt ladet an Angstvorstellungen: wenn er aus dem Büro kommt, bringt er es nicht fertig, die Straße zu überqueren, weil er stets fürchtet, überfahren zu werden. Schließlich sitzt noch eine junge „Frau mit einem kleinen Mädchen im Garten; die Mutter klagte über Magenbeschwerden, das Kind fühlte sich gesund. – „Ich war bei ihnen zu Hause“, sagte der Arzt, „ich habe mir die Familie angesehen und mich mit ihren Angehörigen unterhalten. Da merkte ich: das Kind mußte auch ins Sanatorium, wenn die Mutter gesund werden sollte.“

Mit „Unterhalten“ beginnt die „Therapie“ in Hahnenklee. „Ich bin durch Nervenheilanstalten gegangen“, sagt Dr. Dogs, „und habe überall Patienten gefunden, die man von Kopf bis Fuß untersucht, denen man alle möglichen

Mittel gegeben und die man geschockt hatte, die also den Staat schon eine schöne Summe gekostet hatten, ohne daß sie eine Besserung verspürten –, nur fünf Minuten mit ihnen sich zu unterhalten, dazu hatte man noch keine Zeit gefunden. Und deshalb blieben sie krank. Was die Unterhaltung bei einem Kranken vermag, kann ich an einer Patientin erklären, die ich kurz nach dem Krieg behandelte. Es war eine verheiratete Frau, die sich in ihrer Ehe unglücklich fühlte und andauernd mit Selbstmord drohte. Ihr Gatte war Arzt und hielt alle gefährlichen Medikamente von ihr fern. Ich unterhielt mich vier Wochen lang fast Tag für Tag mit ihr. Nach dieser Zeit hatte ich ein solches Vertrauensverhältnis hergestellt, daß ich mich zu einem gewagten Schritt entschloß – gewagter noch als die gefährliche Operation eines Chirurgen. Als die Patientin mich eines Tages wieder bat, ihr doch zu Gift zu verhelfen, gab ich ihr zu ihrer großen Überraschung zwei Gramm Zyankali. „Da haben Sie Ihr Gift“, sagte ich, „und nun können Sie es ja tun.“

„Aber es war natürlich in Wirklichkeit kein Zyankali?“

„Doch, es war Zyankali. Die Frau hatte drei schlimme Tage zu überstehen, in denen sie das Röllchen mit dem Gift keinen Augenblick aus den Händen ließ. Dann brachte sie mir die Rolle wieder. Seitdem ist sie gesund.“

Bei all den Kranken – so sagt der Psychotherapeut – hat sich die normale Vorstellungswelt in einem oder mehreren Punkten verschoben. Diese Punkte gilt es in der Unterhaltung herauszufinden und durch eine gesunde Vorstellung zu ersetzen. Das Ersetzen geschieht in der Hypnose, und darin unterscheidet sich die Behandlungsweise in Hahnenklee prinzipiell von der Behandlungsweise der klassischen Tiefenpsychologie eines Freud oder Adler. Freud war den neurotischen Symptomen nachgegangen; er hatte den Gang,der zur Verdrängung führt, gewissermaßen in umgekehrter Richtung – nämlich vom Bewußtsein in das Unbewußte hinab – mit dem Patienten noch einmal gemacht, weil er glaubte, daß der neurotische Komplex nur dann „gelöst“ werden könne, wenn dem Patienten die einzelnen Stationen seiner Entstehung „bewußt“ gemacht würden. Von dieser Methode ist man in Hahnenklee aus zwei Gründen abgekommen: einmal erlaubt die knappe Zeit eine solche eingehende Exploration nicht (die Patienten bleiben selten länger als vier Wochen im Sanatorium), zum anderen aber ist der Glaube an die Macht des „Bewußten“ heute bei allen Menschen zutiefst erschüttert. Als Freud seine Lehre verkündete, glaubte man noch, daß man ein Übel nur zu erkennen brauche, um es auch beseitigen zu können. Der Mensch des Abendlandes weiß heute, daß er fast alles weiß und doch nur sehr wenig ändern kann.