Am 22. August vorigen Jahres starb der siebzigjährige Joseph Wittig in seinem Heideexil. Sein Lebenswerk ist an Sprengkraft dem des Meisters Eckart verwandt, jedoch jener trat als gewaltiger Prediger auf, während Wittigs sanftes Dynamit in Form von Volkserzählungen und Kalenderbesinnlichkeiten wirksam wird. „Herrgottswissen von Wegrain und Straße“ hieß sein erstes Buch. Das klingt harmlos, bis man entdeckt, daß der liebe Mann, der da am Wegrain sitzt – damals trug er noch den schwarzen Rock und römischen Kragen –, ein ganz unbändiger Revolutionär ist, ein „dem Volk aufs Maul schauender“ Ketzer-Großfürst, ein Häresiarch. Es ist charakteristisch, daß sich ihm andere unbequeme Männer wie Martin Buber und Viktor von Weizsäcker hinzugesellten: wunderliche Missionare des Ewigen auf vorgeschobenem Posten. Man kann sich kaum Leser denken, die Wittigs Weise und Weisheit nicht sofort und für immer lieben müssen –: aber wenige nur werden im Nu begreifen, wie heilsam-gefährlich dieser Mann für alles weltgültige Scheinchristentum ist, wie radikal er – mild und unbarmherzig in einem – die Dinge richtigstellt, die das Heil betreffen. Wie eine Antwort auf ein Wort von Nietzsche klingt es, wenn es bei Wittig heißt: „Die Seligkeit kommt erst im Himmel? – Nein, der Himmel kommt in der Seligkeit. Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich ... Ich will selig sein im Christentum, nicht erst selig werden. Die Begriffe Christ und selig müssen so gefaßt werden, daß man sie gegenseitig vertauschen und füreinander setzen kann. Nennst du dich Christ und bist noch nicht selig, so glaube ich nicht an dein Christentum, denn an die Seligkeit glaube ich.“

Wittigs Werke sind vergriffen. Nach Neuausgaben schreit unsere Zeit, die Wegrain und Straße wieder so genau kennt. Einstweilen hat uns der Ehrenfried-Klotz-Verlag, Stuttgart, eine Auswahl unserer dem Titel „Das Joseph-Wittig-Buch“ zugänglich gemacht. Das Geleitwort und die kurze Wesensdeutung von Paul M. Laskowsky verharmlosen Wittig, aber ihm wird das recht sein. Er verharmloste sich selber zeitlebens und erreichte gerade deswegen, daß er den Schriftgelehrten Bedrängnis schuf: er leuchtete sie lächelnd zuschanden.

Herbert Fritsche