Am 27. Juni hatte Präsident Truman in seiner historischen „Erklärung über Korea“ auch den neuen Kurs für die Formosa-Politik der Vereinigten Staaten festgelegt. Er erteilte der in fernöstlichen Gewässern befindlichen VII. Flotte den Befehl, jeden Angriff auf Formosa zu verhindern und forderte gleichzeitig die nationalchinesische Regierung auf, alle Luft- und See-Operationen gegen das Festland einzustellen; auf diese Weise sollte der Korea-Krieg nach Möglichkeit lokalisiert werden.

Die nationalchinesische Regierung ist jener Aufforderung nur widerwillig und zögernd nachgekommen. Sie ließ keine Gelegenheit vorübergehen, ohne gegen sie zu polemisieren. Tschiangkaischek aber hat nie einen Hehl daraus gemacht, daß nach seiner Ansicht Friede und Sicherheit im pazifischen Raum nur durch einen Krieg, in welchem die Nationalchinesen Seite an Seite mit den Vereinigten Staaten fechten, wiederhergestellt werden könnten. Eben aus diesem Grunde kam es ihm darauf an, nationalchinesische Streitkräfte in Korea kämpfen zu lassen, um auf diese Weise die Spannungen zwischen Washington und Peiping zu erhöhen. Das sofortige Angebot Tschiangs, 33 000 Mann und den für ihren Transport nach Korea erforderlichen Schiffsraum zur Verfügung zu stellen, wurde seiner Zeit von Washington und Lake Success trotz der damals schwierigen Lage der US-Truppen in Korea zunächst dilatorisch behandelt. Man erklärte, das Angebot sei zuständigkeitshalber an den Oberbefehlshaber der UNO-Streitkräfte, General MacArthur, weitergeleitet worden, von dem die nationalchinesische Regierung weiteres hören werde.

In den letzten Tagen des Juli flog dann MacArthur nach Formosa, nachdem die Stimmung der offiziellen Kreise in Taipei durch die kurz zuvor erfolgte Ernennung eines US-Botschafters, die das mehr als einjährige Interregnum eines wenig beliebten Charge d’affaires beendete, sowie durch die Ernennung eines neuen Militärattaches im Range eines Admirals, günstig beeinflußt worden war. Am Schluß seines zweitägigen Besuches gab MacArthur ein Communiqué heraus, in welchem festgestellt wurde, daß „nach Ansicht aller Beteiligten die derzeitige Entsendung von Truppen nach Korea die Verteidigung Formosas ernstlich aufs Spiel setzen kann und daher nicht ratsam sei. Das Communiqué schließt: „Die unbezwingbare Entschlossenheit meines altes Waffengefährten Tschiangkaischek, der kommunistischen Herrschaft Widerstand zu leisten, deckt sich mit dem gemeinsamen Interesse und den Absichten der Amerikaner, daß alle Völker in dem pazifischen Gebiet frei und keine Sklaven sein sollen.“

Auch der Generalissimus äußerte sich in einer Verlautbarung über die Besprechungen mit MacArthur, in der es unter anderem heißt: „Die Grundlage für eine gemeinsame Verteidigung von Formosa und für eine chinesisch-amerikanische militärische Zusammenarbeit ist geschaffen worden ...“ Am deutlichsten aber wurde Madame Tschiangkaischek, die nach dem Besuch erklärte: „Es scheint jetzt der Wendepunkt erreicht zu sein, wo die oft wiederholten Versprechungen der Vereinigten Staaten, den Kommunismus zu bekämpfen, an der Seite des nationalen China; in die Tat umgesetzt werden, Das Volk kann jetzt erkennen, daß die Vereinigten Staaten einen Alliierten nicht untergehen lassen. Die Vereinigten Staaten sind jetzt durch. Wort und Tat verpflichtet, den Kommunismus zu bekämpfen.“

Im State Department in Washington, zu dem MacArthur nicht die besten Beziehungen unterhält, wurde die zeitliche Wahl des Besuches und die in den Verlautbarungen niedergelegten Ergebnisse der Besprechungen stark kritisiert. In Lake Success befürchteten Vertreter europäischer und asiatischer Nationen, die in der Koreafrage die UNO unterstützen, General MacArthur werde keinen Unterschied machen zwischen der UNO-Aktion in Korea und der Aktion der Vereinigten Staaten in Formosa, mit der die UNO nichts zu tun habe. Diese allseitige Kritik veranlaßte Präsident Truman, seinen ersten außenpolitischen Mitarbeiter Avrell Harriman zu beauftragen, sofort nach Tokio zu fliegen, um MacArthur nachdrücklich darauf aufmerksam zu machen, daß die politische Haltung der Vereinigten Staaten gegenüber der nationalchinesischen Regierung sorgfältig getrennt werden müsse von der rein militärischen Frage der Verteidigung Formosas.

MacArthur reagierte sehr heftig auf diese Kritik, die er auf eine böswillige Verleumdung derjenigen Kreise zurückführte, welche schon in der Vergangenheit eine Politik des Defaitismus im pazifischen Gebiet propagiert hätten. Auch mit der Kritik aus UNO-Kreisen, an der die englischen Vertreter offenbar besonders stark beteiligt waren, befaßte sich eine „hohe Stelle der Militärregierung in Tokio“, die erklärte: „General MacArthurs Reise nach Formosa hatte nichts mit der UNO zu tun. Er reiste ausschließlich in seiner amerikanischen Eigenschaft als Oberkommandierender der USA-Streitkräfte im Fernen Osten und in Übereinstimmung mit amerikanischen Instruktionen. Es ist unbegreiflich, daß die englische Regierung versucht, sich unter dem Deckmantel der UNO-Mitgliedschaft auch nur die geringste Berechtigung zu einem Urteil über die Richtigkeit der Mission eines amerikanischen Offiziers anzumaßen, der in Übereinstimmung mit den Befehlen seiner eigenen Regierung handelt.“

Diese unfreundliche Sprache aus dem Hauptquartiers MacArthurs entspringt vermutlich der Enttäuschung über den von der englischen Regierung dem Admiral der britischen Fern-Ost-Flotte erteilten Befehl, seine Schiffe aus jedem Konflikt herauszuhalten, der sich ergeben könnte, wenn es bei einem Angriff auf Formosa zu Zusammenstößen zwischen der VII. Flotte und Streitkräften Mao Tse Tungs kommen sollte.

Ernst Krüger