Jürgen Fehling inszenierte Garcia Lorca

München, im August

Granadiner Dichtung um das Jahr Neunzehnhundert ist der Untertitel, mit dem Federico Garcia Lorca seine dramatische Ballade Donna Rosita oder die Sprache der Blumen versehen hat. Wenn sie anhebt, befinden wir uns in dem Hause eines schon angejahrten Bürgers zu Granada, dessen ganze Liebe der Zucht von seltenen Rosen gilt. Sie wird nicht von allen seinen Hausgenossen geteilt, am wenigsten von der Haushälterin, mit der es deswegen sogleich scharfe Worte setzt. Aber da blüht noch eine andere Rose im Hause, Donna Rosita, seine Nichte, die als Waise dort aufgezogen worden ist. In abgöttischer Liebe zu ihr sind sich alle einig, Onkel, Tante und vor allen wiederum die Haushälterin. Sie verdient es auch, – ein zartes, schönes Wesen, verträumt und leidenschaftlich, und daß ihr auch der Schalk im anmutigen Nacken sitzen kann, erfahren wir, wenn die springlebendigen Schwestern Manola auf Besuch zu ihr kommen: da spricht und singt sie in der Sprache der Blumen. Versen von der zugleich kühnen und volkstümlichen Art, wie sie Garcia Lorca unter seinen Landsleuten schon früh berühmt gemacht haben, und in der gleichen Sprache kommt ihr Antwort. Es ist von der Liebe die Rede darin, denn Rosita liebt und weiß sich geliebt und wünscht allen ihren Schwestern das gleiche, einzige Erdenglück.

Es soll sich aber fügen, daß es am Ende ihr allein versagt geblieben ist, ihr allein und den „drei alten Jungfern“. Aber denen gehört das offenbar wie von Anbeginn zu, sie sind zur Jungfernschaft geboren, so wacker deren armseligpompöse Mutter sich auch abrackert, dieses Schicksal von ihnen abzuwenden. Es ist ein fürchterliches Schicksal; niemand weiß das besser als die Haushälterin, eine Art Sybille aus dem Volk mit Besen und Flederwisch. Sie ist neben dieser zarten Mädchenrose die ergreifendste und lebendigste Gestalt dieser Dichtung, eine große Liebende gleich ihr. Aber sie liebt ohne zu schwärmen, handfest und erbarmungsvoll zugleich, und ihrer weiblichen Weisheit tiefer Schluß lautet, daß sie selbst der mehr als das eigene Kind geliebten Rosita einen halben und unwillkommenen Mann immer noch lieber in das Brautbett gewünscht haben will, als gar keinen. Der willkommene nämlich, der einzig geliebte, an dem Rosita mit allen Kräften ihrer Seele hängt, der verläßt sie und kehrt nimmer wieder, so oft er seine Rückkehr auch in baldige Aussicht stellt. Das währt ein Vierteljahrhundert lang.

Wie über dem die Zeit sachte und ohne Erbarmen vergeht, die Gespielinnen unter die Haube kommen und andere geliebte Menschen unter das Gras, und wie das Alter herannaht und Armut und Demütigung mitbringt, und wie ein Leben, das so hold und süß begonnen, am bitteren Ende so nutzlos und vergeblich geworden ist, das ist das eigentliche Thema von García Lorcas Gedicht. Daß es kein Drama ist, sondern eine Ballade, das vermochte selbst die Regie von Jürgen Fehling zuweilen nicht gänzlich vergessen zu machen. Vielleicht hätte sich unter einer schwächeren Hand manches lyrische Verweilen und Festfahren der Handlung als abträglich erwiesen. Er aber, ein großer, herrischer Zauberer, entbot sich lauter wahre Menschengestalt auf die Bühne. Die aber geht uns immer an, aus Herzensgrunde. Darum gebührt der Lorbeer dieses Abends, mit dem das Theater am Brunnenhof in München einen großen Triumph feierte, nicht nur Joana Maria Corvin und Elisabeth Flickenschild als den stürmisch bedankten Hauptdarstellerinnen allein. Er gebührt dem ganzen Aufgebot bis zur unscheinbarsten Charge. Jürgen Fehling, dessen Hand dies zuwege gebracht, wurde denn auch von einem hingerissenen Publikum begeistert gefeiert. Paul Alverdes