Von Kurt Hiller

Nirgends scheint mir die wechselseitige Ehrfurcht der Geistseele vor dem leiblichen und der Leibseele vor dem geistigen Adel ergreifender geformt als in jener antiken Legende: Pindar starb im Theater von Argos,das Haupt auf die Schulter eines jungen Athleten gelehnt, den er besungen hatte.

Die kältesten Länder haben die besten Öfen. In Italien friert man winters – in Skandinavien nicht. So haben wohl auch die in ihrem Durchschnitt geistfernsten Völker die größten Philosophen. Und vielleicht ist die unvergänglich kanonische Pracht der antiken griechischen Plastik der Beweis, daß die Hellenen ursprünglich das häßlichste Volk waren.

Unter den Methoden des Intellekts, sich der Sexualität zu nähern, gibt es zwei schmutzige: die Zote und die Muckerei.

Liebe hat keine Größe ohne das Geistige. Aber wie geringfügig ist das Geistige, gemessen an der Größe der Liebe!

Die schwerste Tugend dürfte die Keuschheit sein; wobei sich fragt: ist sie eine? Indessen die zweitschwerste ist die Gerechtigkeit, und an ihr zu zweifeln steht niemandem frei. Vor allem hat sie der Kämpfer zu üben. Zwar soll er nicht „objektiv“, das heißt von dem Bestreben getragen sein, zu beweisen, daß der Feind „von seinem Standpunkt aus recht“ habe (was er natürlich hat; nur ist sein Standpunkt der unrechte!); der feindlichen Idee einen gleich hohen Wert zusprechen wie der eigenen entwertet die eigene; aber gerecht sein entwertet sie nicht. Gerecht sein bedeutet: den Feind wohl immer wieder als Feind stigmatisieren, jedoch Qualitäten, die er hat, ihm lassen, insbesondere zwischen Feind und Feind Rangunterschiede erkennen und anerkennen, edlere Erscheinungen nicht in einen Topf werfen mit Krethi und Plethi. Ich weiß nicht, ob Gerechtigkeit üben nützlich ist; wir sind zu ihr verpflichtet, einerlei, ob sie nützt oder schadet. Übrigens pflegt diese Pflicht aus Neigung zu erfüllen, wer die große Erfahrung gemacht hat, daß es im feindlichen Heerlager nicht an Köpfen und Charakteren fehlt, im eigenen nicht an Philistern und Schuften.

Aus dem „Aphoristischen Intermezzo“ in Hillers neuem zeitkritischen Buch „Köpfe und Tröpfe“, Rowohlt Verlag 1950