In München, das vor zwölf Jahren Schauplatz einer großen und zuletzt verhängnisvollen Entscheidung über das Schicksal Böhmens war, haben sich vor einigen Tagen die Führer der Sudetendeutschen Westdeutschlands und des Londoner Tschechischen Nationalausschusses über einen deutsch-tschechischen Frieden geeinigt. Das Übereinkommen wurde seitens der Sudetendeutschen von dem Sprecher Ihrer Arbeitsgemeinschaft, Dr. Lodgman von Auen, dem letzten Landeshauptmann von „Deutschböhmen“ in der Donaumonarchie, und seitens der Tschechen von dem Präsidenten des Nationalausschusses, General Prchala, ausgearbeitet. Es stellt fest, daß „beide Teile die Rückkehr der Sudetendeutschen in ihre Heimat als gerecht und daher als selbstverständlich betrachten“ und daß sie, da die Rückkehr erst nach der Befreiung des tschechischen Volkes erfolgen kann, „alles tun wollen, um seine Befreiung zu verwirklichen“. Beide Teile lehnen die Anerkennung einer Kollektivschuld und des aus ihr fließenden Rachegedankens ab, „verlangen aber die Wiedergutmachung der Schäden, die das tschechische Volk und das sudetendeutsche Volk erlitten haben, und die Bestrafung der geistigen Urheber und der ausführenden Organe der begangenen Verbrechen“, die nach Ansicht beider Teile durch eigene Volksgenossen erfolgen sollte. Die beiden Partner sind schließlich auch darüber einig, daß über die endgültigen staatspolitschen Verhältnisse in Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien nach der Befreiung der Tschechen und Rückkehr der Sudetendeutschen durch Volksabstimmungen entschieden werden soll.

Dieses Abkommen wird zunächst und wahrscheinlich auf lange Zeit nur theoretisch und nichts als theoretisch sein, denn niemand weiß, wann es dem tschechischen Volk und der ganzen Zahl seiner Leidensgenossen gelingen wird, das Satellitendasein und die Herrschaft der Kommunisten abzuwerfen. Trotzdem ist es von einer sehr hohen Bedeutung. Denn es beweist nicht nur eine von kleinlichem Nationalismus befreite echte europäische Gesinnung beider Vertragspartner, sondern es zeigt geradezu, wie im europäischen Bewußtsein die Erkenntnis dämmert, daß es jetzt mehr zu verteidigen gilt als Grenz- – pfähle und materielle Rechte von Völkern und

Volksgruppen. Exil ist eine harte und kann eine heilsame Schule sein. Es scheint, daß Tschechen und Sudetendeutsche unter der ungeheuerlichen Herausforderung, vor die der Bolschewismus die westliche Welt gestellt hat, nunmehr begriffen haben, was Benesch und seine Leute im zweimaligen Exil verfehlten, nämlich, daß es keinen Sinn hat, wenn zwei sich um ein Gut streiten, das ein dritter ihnen im nächsten Augenblick entreißen kann.

Diese Einsicht sollte nicht auf Tschechen und Sudetendeutsche beschränkt bleiben, auch auf das Land östlich von Oder und Neiße sollte man sie anwenden. Ist eine Einigung zwischen den von dort vertriebenen Deutschen und den entschlossen europäisch denkenden Exilpolen vielleicht im Augenblick noch nicht möglich, dann könnte doch wenigstens eine Verständigung darüber stattfinden, daß diese Frage einer schiedsrichterlichen Instanz von hoher Autorität übertragen wird, der sich ein wieder freies Polen und die vertriebenen Deutschen schon jetzt freiwillig unterwerfen. Aus dem weisen Verhalten der Sudetendeutschen und Nationaltschechen ließe sich auch sonst noch manche Lehre ziehen und auf die kleinen Konflikte und Ärgernisse unter den westlichen Nationen und vor allem zwischen Westdeutschland und den Besatzungsmächten anwenden. Wo die ganze Existenz in Frage gestellt ist, ist es nicht am Platz, Differenzen im westlichen Lager zum Konflikt zu steigern.

Tschechen und Sudetendeutsche haben mit ihrem Übereinkommen ein hohes Maß von nüchternem Realismus gezeigt. Vielleicht wäre es nach allem, was sie erlebt haben, zuviel verlangt, wenn man noch weiter an ihre Einsicht appellierte. Auch die reduzierte Strafdrohung nämlich, die sie aussprechen, wird die von ihnen angestrebte Befreiung der Tschechen nur erschweren, während durch einen Verzicht endlich an irgendeiner Stelle der verhängnisvolle Zirkel von Gewalttat, Strafe und Gewalttat unterbrochen werden könnte, der der Schrecken unserer Zeit ist. H. A.