Von Henry Hemmer

Henry Hemmer, der alte Weltenbummler und letzte Wiener Autor aus dem Kreise um Peter Altenberg, der zur Nachkriegszeit in Wismar lebte, war als vermeintlicher Spion von den Sowjets verhaftet und monatelang eingesperrt worden. Vielleicht waren seine vielseitigen Sprachkenntnisse daran schuld. Der jetzt in Westberlin lebende Schriftsteller erinnert sich an zwei Fälle, in denen er freiwillig ins Gefängnis ging: einmal vor Jahren in Spanien und ein andermal vor kurzem, als er aus dem sowjetischen Gefängnis entlassen wurde.

Normalerweise führt es zu keinen Verwicklungen, wenn man in einem spanischen Städtchen den Hausschlüssel vergessen hat; man klatscht ein paarmal kräftig in die Hände, dann erscheint, wenn nicht ein Mitbewohner, so doch der Sereno, der noch sehr lebendige spanische Nachkomme unseres ausgestorbenen Nachtwächters. Hat man, wie wir, Pech, dann sitzt der Sereno im Caféhaus, und alles schläft nach hinten hinaus. Nach vielem Klatschen und Suchen fanden wir den Mann mit der Hellebarde und dem Schlüsselbund: er folgte uns sofort nach dem altertümlichen Pensionshaus. Da stellte sich heraus, daß leider das erforderliche Schlüsselungetüm an seinem Bund fehlte.

Mademoiselle Ginette, die sich lediglich hatte von mir romantische spanische Abendkulissen zeigen lassen, begann unruhig zu werden. Glücklicherweise kam eine Polizeistreife vorbei, der Sereno setzte sie ins Bild, die Männer sannen und sannen und rieten uns schließlich, mit auf die Hauptwache zu kommen, wo es Rat für alles gibt.

Leider war der oberste Ratgeber gerade abwesend. Wir setzten uns zu der um ein Kohlenbecken versammelten Mannschaft, und halfen mit, Fische zu braten. Als nach mehreren Fisch- und Zigaretten-Runden der Offizier erschien, sagte er: „Die Sache ist sehr einfach, die Herrschaften gehen in ein Hotel.“ Ich wußte, warum ich diesen Vorschlag nicht schon selbst gemacht hatte. Das nötige Geld befand sich dort, wo auch der Schlüssel war: in dem in letzter Minute im Pensionszimmer zurückgelassenen Jackett.

Da gab es nur einen Ausweg. Unter Gekicher ging es von Mund zu Mund: Wir mußten bei den Kapuzinern übernachten. Im Kloster, bei den Kapuzinern, war das nicht der Höhepunkt der Romantik? Frohgemut ließen wir uns bis zu einem mit bischöflichen Wappen geschmückten alten Portal bringen. Aber was für ein häßliches Wort war über dem Eingang zu lesen? CARCERO. Als auf das Klingeln der Polizeigarde ein sehr inklösterlicher Pförtner uns in Empfang nahm, dämmerte die Erkenntnis in uns auf: dies war einmal ein Kloster und wurde im Volksmund noch nach den früheren Mönchen benannt, jetzt aber beherbergte der alte Klosterbau, keine Kapuziner, sondern Ganoven.

„Die Herrschaften sind frei“, erklärte die Polizeibegleitung dem erstaunten Gefängniswärter. Caracho, caramba: freie ausländische Gäste, Herr und Dame – da muß man den Chef wecken.