Von Eka Merveldt

Ganz sicherlich gibt es nicht nur rauschsüchtige, sondern auch geräuschsüchtige Menschen. Und offenbar hat die Geräuschsucht in Amerika begonnen. „Wenn ich mich tagsüber in mein Zimmer zurückziehe, die Fenster schließe und den Lautsprecher abstelle – in jedem Raum des Hauses gibt es einen –, glauben meine Hausgenossen, ich sei unglücklich und es gehe mir schlecht“, schrieb kürzlich eine junge Neuamerikanerin. „Sie stürzen durch alle Türen zu mir herein, reißen die Fenster auf, schalten den Apparat an und beginnen, nach zu trösten, da ich offensichtlich Sorgen und Heimweh nach Europa habe.“ Und dann schalten sie den Radioapparat auf doppelte Lautstärke. Aber auch bei uns in Deutschland sind die Geräuschsüchtigen nahe daran, diesen amerikanischen Stand zu erreichen. Haben sie es doch in diesem Sommer am Ostseestrand an einigen Stellen so weit gebracht, daß man ihnen die Anschlußschnüre für ihre transportablen Radioapparate bis in den Strandkorb liefert! Die Freunde der Stille im Nebenkorb, so empfinden es die Geräuschsüchtigen, profitieren dabei. Mit einem stolzen Blick schauen die Apparatebesitzer rund um sich. „Hört einmal, so bin ich zu euch. Ich biete euch gratis Geräusche.“ Daß stille Leute geduldige Leute sind, ist bekannt. So ist bisher nur ein einziger Fall ruchbar geworden, in dem ein Freund der Stille solch einen lieben kleinen transportablen Geräuschapparat, der ihm gar nicht gehörte, an sich genommen und ihn kurzerhand ins Meer geworfen hat. Er war Musiker. Er konnte sich das leisten.

Es ist nun an der Zeit, von der Geräuschsucht zu sprechen, die unsere Bundesbahn ergriffen hat. Sie nämlich ist die schlimmste. – Ich kam aus den Ferien, ich kam aus der tannenduftdurchzogenen Stille des Schwarzwaldes. Der Eisenbahnzug in Frankfurt war vollbesetzt – bis auf einen Waggon, in dem ich mich freudig niederließ. Ahnte ich doch nicht, daß ich in den von der Bundesbahn so großzügig und wohlwollend eingerichteten Funkwagen geraten war! Kaum hatte ich Platz genommen, als eine unsichtbare Ansagerin mich und die übrigen Fahrgäste durch den Lautsprecher begrüßte, wobei sie uns allerdings darauf aufmerksam machte, daß man lieber sofort ein anderes Abteil aufsuchen solle, wenn man nicht unterhalten zu werden wünsche. Ich freute mich bei dieser Bemerkung, daß es also Gleichgesinnte geben müsse, hatte aber leider keine Gelegenheit, sie zu treffen, denn die unsichtbare Sprecherin sagt nicht, wohin in dem überfüllten Zug man sich wenden solle, da es ja außer im Musik- und Unterhaltungswagen keinen Sitz-, kaum mehr einen Stehplatz gab. Stunden um Stunden lang war man nun dem wohlmeinenden Mädchen und ihrer Musik ausgeliefert. Zunächst empfand man noch einiges Mitleid, dann Schadenfreude, daß sie mit sogenannter Unterhaltungsmusik oft vergeblich gegen die Geräusche des Zuges ankämpfte. Man machte sich einige Hoffnung, daß der Bundesbahn nichts anderes übrigbleiben werde, als zu dieser Musik in naher Zukunft Gummischienen zu bauen, damit der Zug leise fahren und Musik und Ansage besser zu Gehör kommen könnten. Einmal mußte die Sprecherin klein beigeben, da sie sich gegen das Getöse des Zuges tatsächlich überhaupt nicht mehr durchsetzen konnte. Sie schaltete ab, und wir lauschten, plötzlich befreit, dem Singen des Zuges und entdeckten darin mehr Musikalität als wir je gedacht hätten. Aber die Ansagerin müßte ihr Soll erfüllen und ließ nicht locker, ihre Stimme kehrte bald wieder, mit aufmunternden, nicht immer geistvollen Witzchen, und fügte ihren Worten sinnig der Landschaft angepaßte Chorgesänge hinzu (Studentenstrophen bei Göttingen, Seemannslieder, als Hamburg nahte) und deutsche Kernsprüche. Man durfte die schöne Landschaft nicht ungestört betrachten, man konnte sich seinem Partner nur mühsam verständlich machen, man durfte nicht lesen. Als schließlich eine Chopinsonate im Donnern des Zuges unterging, war man soweit, die Nerven zu verlieren. Man haderte, daß man sich im Urlaub nicht besser erholt habe, man sann Böses und drückte begeistert einen Knopf, auf dem „Aus“ stand. Es gelang einem mit letzter Energie sogar, die Lautsprecher der Nebenabteile zu überhören – da stand einer der Mitreisenden, ein typisch Geräuschsüchtiger, auf und schaltete den Knopf wieder ein. Man hatte die größte Lust, ihn wieder auszuknipsen, die Notbremse zu ziehen, die Bahnpolizei zu rufen und aus der ganzen Sache einen Rechtsstreit zu machen. Aber man besann sich rechtzeitig, daß man noch Ferien habe und auch Streit keine Ruhe bringe.

Als aber am Zielort die unermüdliche Sprecherin pflichtgetreu höflich und freundlich eine gute Nacht und alles Gute für die Zukunft wünschte, war man nicht bereit, diese Wünsche zu erwidern. Im Gegenteil. Als radikalisierter Stiller im Land kehrte man heim. Und hier melde ich nun meine Forderungen bei der Bundesbahn an. Als einst die Raucher zu stören begannen, führte die Bahn nicht nur Raucher-, sondern auch Nichtraucherabteile ein. Da es nun Geräuschabteile gibt, so verlangen wir Schweigeabteile, in denen weder Ansagerinnen, noch Schallplatten, noch deutsche Kernsprüche den Reisenden belästigen. Auch Schildchen wollen wir haben, auf denen statt „Rauchen verboten“ gedruckt steht: „Geräusche verboten!“