Von unserem Londoner Korrespondenten

Deutschland meint es mit der Außenhandelsfreiheit wirklich ernst. Den Beweis dafür liefert die neue deutsche Freiliste, herausgebracht zu Ehren der EPU-Gründung, die Anfang September fertiggestellt sein und möglichst rasch in Kraft treten soll (nicht zu verwechseln mit der kürzlich bekanntgegebenen revidierten alten-Freiliste). Diese Freiliste, die – im Entwurf – bei den deutsch-englischen Handelsvertragsbesprechungen bereits vorlag, scheint vor den kritischen britischen Augen bestanden zu haben. Das war für diese Besprechungen sehr wichtig; denn die Engländer mußten sich entschließen, ihre eigene Freiliste auch auf Westdeutschland auszudehnen, das bisher mit Hinweis auf die „Dollarklausel“ noch Einzellizenz für seine Lieferungen nach England beizubringen hatte.

Was wird die neue Freiliste bringen? Den Engländern erscheinen zwei Positionen von besonderer Wichtigkeit: Textilien, vor allem Wollwaren und gröbere Baumwollgarne (jedoch nicht Fertigbekleidung, Wirkwaren oder Nylonwaren), und Maschinen, hier mit Ausnahme der Textilmaschinen (für die man wohl großzügige Quoten gewähren wird) und der Büromaschinen. Außerdem dürften eine Reihe von Konzessionen, die den Holländern und Skandinaviern in zweiteiligen Verträgen von Bonn aus gemacht worden waren, nunmehr in die allgemeine Freiliste einmünden, somit also auch den Engländern zugängig werdet, und ihren Vorwurf entkräften, daß die bisherige deutsche Freiliste, wenn sie auf Großbritannien zur Anwendung gekommen wäre, diskriminierend gegen eine Reihe britischer Exportartikel gewirkt halben würde.

Umgekehrt werden sich die deutschen Exporteure über die Vielseitigkeit der britischen Freiliste nicht zu beklagen haben. Textilien in den meisten Formen, Elektroartikel, Haushaltsartikel (jedoch längst nicht alle metallenem), Maschinen, landwirtschaftliche Geräte, Traktoren, eine Reihe optischer Artikel, einige Farbenprodukte und Pharmazeutika, Spielwaren – das sind einige der für Deutschland besonders wichtigen Gruppen. Weiter stark geschützt werden dagegen die neueren, „hochwertigen“ britischen Industrien, angefangen von Foto- und Uhrenindustrie über viele Zweige der chemischen Industrie bis zur Autoindustrie, die man durch generelles Einfuhrverbot davor schützt, daß der autosüchtige britische Markt mit ausländischen Produkten gefüttert wird, während britische Autoproduzenten mindestens 75 v. H. ihrer Erzeugung für den Export reservieren müssen. Hier haben sich italienische und französische Erzeuger um die Errichtung eigener Werke in England gekümmert, die dann den gleichen Exportauflagen unterliegen, also auf dem britischen Binnenmarkt keinerlei Vorzug mehr genießen würden, abgesehen von der Zollfreiheit.

Es dürfte nicht immer leicht gewesen sein, die verschiedenen britischen „Schutz“-Interessen dort zu überwinden, wo noch Kontingente für die deutschen Lieferungen ausgehandelt werden mußten. Gegen Kameras, vor allem die hochwertigen Kleinkameras, sträubt man sich eben in England mit aller Energie, solange (als Ergebnis erster Nachkriegsjahre) der Markt für gebrauchte Apparate mit deutschen Erzeugnissen noch überschwemmt ist, und die englische Industrie ihr Ziel, eine hochwertige Präzisionskleinkamera zu schaffen, noch nicht erreicht hat. Bei Metallwaren versuchen die Engländer, schon jetzt ihren Binnenmarkt für künftige Jahre zu schützen, in denen aus den neuen Walliser Walzwerken mit ausreichenden Mengen an Blechen der „Rohstoff“ für die englische Metallverarbeitung vorhanden sein wird. In der Zwischenzeit möchte man am liebsten nur Transformatorenbleche und ähnliche Kostbarkeiten einführen, die für den deutschen Export buchstäblich schwerer wiegen als Gold – oder Dollar. Auch Schrott ist ein derartiger deutscher „Dollar-Wert“ geworden, und man scheint es auf britischer Seite anzuerkennen, daß noch einmal gewisse deutsche Schrottzusagen, aus alten unausgenutzten Quoten und aus neuer Zuteilung, gemacht worden sind.

Diese Zusagen haben anderseits dazu geführt, daß auch England in die Kontingente für Deutschland manche Waren aufgenommen hat, die von ihm als „Hartwährungsexporte“ betrachtet werden. Bestimmte Rohöle, die von der deutschen verarbeitenden Industrie sehr geschätzt werden, und Metalle gehören zu dieser „Hartwährungskategorie“. Sehr gern wollen die Engländer dagegen – infolge der Krise im inländischen Fischhandel – Heringe und andere Fische an Deutschland verkaufen, ein Wunsch, den man wohl nur im traditionellen Rahmen des deutschen Heringsimports gebührend berücksichtigen konnte. Und wenn sich jetzt die amerikanischen Filmverleiher mit unmöglichen Forderungen an den deutschen Markt wenden, so sollten sie sich ein Beispiel an den Engländern nehmen, die sich mit der ersten, schon durchaus großzügigen von uns gebotenen Quote zufrieden gegeben haben.

Auch Außenhandel ist eben die Kunst des Möglichen, und es spricht für die gründliche Arbeit, die in den zehn Wochen Londoner Verhandlungen geleistet worden ist, daß der Ausblick auf einen im Werte mehr als verdoppelten deutschen Außenhandel mit dem gesamten Sterlingblock im Umfange von mindestens einer Milliarde Dollar freigelegt worden ist. Im Englandgeschäft hat man dabei endlich den Weg zurück zum Austausch von Fertigwaren gefunden, der zwischen hochentwickelten Industrieländern stets geboten, nützlich und auch profitlich ist. Daß dabei Spitzenleistungen sich durchsetzen, ist auch in kleinen Positionen erkennbar, ob es sich nun um einen Austausch von Klavieren, um britische Bezüge von Pforzheimer Schmuck oder um Versuchskontingente für deutsche Dreiradlieferwagen handelt. Umgekehrt hat man auch auf deutscher Seite sicherlich manches Kontingent vorgesehen, das einem der wichtigsten Faktoren einer leistungsfähigen und freien Wirtschaft zur Wirkung verhilft: der Konkurrenz für leistungsfähige Inlandsindustrien.

Der volle Umfang dieses Sterlinghandels von vier Mrd. DM wird sich allerdings nur erreichen lassen, wenn neben England und seinen Kolonien (die frei aus Weichwährungsländern beziehen können) auch mit den Dominien und den nichtbritischen Mitgliedern des Sterlingblocks (wie Irland, Island, Burma und dem Irak) Abmachungen auf ähnlich breiter Basis wie jetzt mit England getroffen werden können. Verträge mit Indien, Irland und Island liegen schon vor. Südafrika hat erst kürzlich wieder sein lebhaftes Interesse an deutschen Waren bekundet. Mit Pakistan versprechen die für September vorgesehenen „Erneuerungsverhandlungen“ für den bestehenden Vertrag erhebliche Verbesserungen. Mit Australien, Ceylon und Burma sollten gleichfalls noch vor Jahresende Besprechungen erfolgen – all das im Zeichen der weichen D-Mark und dem Wunsch zum liberalisierten Handel, auch mit Übersee. Denn was nützt freier Europahandel, wenn die übrige Welt nicht folgt?