Von Wilhelm Lehmann

Als im Jahre 1923 ein großer deutscher Dichter eine Neuausgabe des Kalewala, Martin Bubers Bearbeitung der Übertragung von Anton Schiefner von 1852 anzeigte, rief er: „Ob es vor diesem Gedicht nicht schon vielen gegangen ist wie mir? Als ich es vor zehn Jahren kennenlernte, eines Morgens es anblätternd, da hielt es mich den ganzen ‚Tag und die darauffolgende Nacht fast ohne Unterbrechung im Zauber, bis wieder Morgen und die dreiundzwanzigtausend Verse ausgesungen verklangen!“

Elias Lönnroth, Sohn eines armen südwestfinnischen Dorfschneiders, nach entbehrungsreicher Jugend Arzt, selbst eine fahrende Märchengestalt, sammelt 1828 die verstreuten Lieder Kareliens. Er geht in seinem Stoffe auf, er geht in sein Werk über wie der chinesische Maler in sein Bild. Er wird, allen philologischen Bedenken zum Trotz, der Schöpfer des Kalewalaepos.

Mythisches Material verschiedener Herkunft lag ihm vor. „Entstehungszeit das 12. Jahrhundert oder noch etwas früher, die Wende von der heidnischen zur christlichen Zeit; einzelne Lieder aus dem 14. oder 15., andere gar erst aus dem 18. Jahrhundert. Ihr Stoff reicht in die vorhistorische (vorchristliche) Zeit (Blutrache, Wikingerfahrten, eine Frau als Herrin); ihre Helden und Situationen sind weder naturmythisch noch schamanistisch zu deuten, setzen vielmehr zum Teil bestimmte (nur uns unbekannte) historische Gestalten, Beziehungen und Ereignisse voraus; doch sind christliche Motive stark wirksam gewesen und vielfach phantastische Märchenmotive eingedrungen.“

Was geht in den unermüdlich strömenden, viertrochäigen Versreihen des in fünfzig Runen geteilten, gewaltigen Liedzyklus vor? Was in allen Märchen aller Zeiten geschieht: Freierfahrten, hier der drei Helden Wäinämöinen, Ilmarinen und Lemminkäinen; ihnen gelten die meisten Gesänge; die Suche nach dem Gral als dem Gefäß des Geheimen, hier heißt es der Sampo, ein von Ilmarinen, dem ewigen Schmiede, gefertigtes Zauberkleinod. Kalewala aber ist die Heimat der Helden der Dichtung, der Wohnsitz Kalewas, eines alten Kulturheros, auch Name des Orion. Wäinämöinen, der Bedeutsamste von allen, der einzige in aller Epik, der von Geburt an alt, „alt und wahrhaft“ ist – gewiß gab es ihn einst als hervorragenden finnischen Häuptling der Wikingerzeit wie den König Artus als mittelalterlichen Kondottiere. Er ist im Liede der Sänger geworden. Das Epos durchzieht der Gegensatz zwischen Kalewala und dem „Nordheim“ Pohjola, Name der dunklen kalten Hölle am Nordpol, aber auch der Insel Gotland in der Ostsee.

Beschreiben wir aus dem Knäuel der Geschehnisse, anderer Einsprengsel nicht zu gedenken, ein Abenteuer genauer, so stoßen wir gleich in das Zentrum des Ganzen vor: Wäinämöinen, dessen magische Geburt die erste Rune singt; freit um Joukahainens, vielleicht eines Lappen, schöne Schwester. Sie stürzt sich ins Meer, nicht die Gattin eines Alten zu werden. Ihm mißlingt ihre Rettung, und er bewirbt sich auf den Rat seiner aus dem Grabe sprechenden Mutter um die Jungfrau von Pohjola. Joukahainen lauert ihm auf, trifft nur Wäinämöinens Roß. Aber Wäinämöinen stürzt ins Meer, wird von einem Adler nach Pohjola getragen und verspricht Louhi, der Herrin von Pohjola, ihr den Sampo zu schmieden. Er kann es nicht selbst, wird Ilmarinen schicken und wird freigelassen. Unterwegs sieht er die begehrte Schöne. Sie soll in seinen Schlitten steigen, stellt ihm aber vier Aufgaben. Er löst drei, beim Zimmern des verlangten Bootes fährt ihm die Axt in den Fuß. Von einem Zauberer geheilt, singt er eine riesige Fichte mit goldenen Zweigen, in ihre Krone einen Mond, auf ihre Zweige den großen Bären. Wie kann er Ilmarinen nach Pohjola bringen? Er lockt ihn mit der Schönheit des Mädchens umsonst, aber Ilmarinen will die wunderbare Fichte sehen und klettert auf Wäinämöinens Anstiften hinauf, um die Gestirne herabzuholen. Wäinämöinen singt einen Sturm, der den Schmied nach Pohjola weht, Ilmarinen schmiedet den Sampo, gewinnt das Herz des Mädchens nicht und kehrt sehnsüchtig nach Hause.

Es geschieht auch Grausames im Kalewala, aber das eigentlich Wirksame ist das Wort: es nennt nicht schon Vorhandenes, es kopiert nicht, es erschafft. Das ganze Epos ist im Grunde ein Lobgesang auf das Wort, auf das zeugende Wort. Dichtung besingt hier sich selbst. Sie führt auch das Getrennteste zueinander. In der rhythmischen Einheit ist einander alles, alles nahe; keine Zerrissenheit, kein Bürgerkrieg, keine unglückliche Ehe. Innen und Außen sind identisch. Wollte sich jemand an das Innere verlieren, sofort ruft ihn wieder das Äußere und macht ihn zum Geschöpf des Ganzen. Die Dichtung bewahrt das hinfällig Einzelne. Das kann sie, sofern ihr Wort nicht das Geschehen bezeichnet, sondern das Geschehen selbst ist. Die Schöpfung bewegt sich nicht außerhalb des Wortes, vielmehr führt das Wort erst das All mit Machtgebärde in die Wirklichkeit ein. Aus dem Kiefer des großen Hechtes, an dem sein Boot scheitert, bildet Wäinämöinen seine Zauberharfe. Das Christkind kam zur Welt, singt die letzte Rune. Da es vaterlos war, konnte es erst getauft werden, wenn ein Weiser entschiede, ob es am Leben bleiben sollte. Zum Richter ausersehen, urteilt Wäinämöinen, es müsse getötet werden. Aber der Christusknabe verwirft den ungerechten Spruch, ein Greis tauft ihn zum König von Karelien. Da ergrimmt Wäinämöinen und segelt in kupfernem Boot zu einer Stelle, die mitten zwischen Himmel und Erde liegt. Seine Harfe läßt er seinem Volke zu ewiger Freude zurück.

Das Ei, aus dem die alten Mythen die Welt entstehen ließen, zersprang. Das Wort übernahm seine schaffende Kraft, als geformter Atem, als Beschwörung, als Gesang. Es ist freilich nicht leicht zu haben, sondern muß erobert werden. Auf das richtige, das poetische Wort wartet das Vorhandene, als sei es noch nicht vorhanden.