Das Gespräch über Nietzsche wurde in Deutschland sogleich nach der Katastrophe von 1945 wieder in Gang gebracht. Zunächst meldeten sich Ankläger. Otto Flake (1946) nahm die Vorwürfe wieder auf, die in den westlichen Ländern seit 1914 laut geworden waren, und dekretierte, Nietzsche habe durch seine Verschiebung der moralischen Grundpositionen einen besonders großen Anteil an der deutschen Kollektivschuld. Dies Urteil hatte immerhin den Nutzen, daß auch die junge Generation wieder zur ernstlicheren Beschäftigung mit Nietzsche geführt wurde.

„Das Gespräch mit Nietzsche ist besonders in Deutschland ein Gespräch vor der Entscheidung zwischen Sein und Nichtsein“ – so formuliert ein Angehöriger dieser Generation, Karl August Götz (Nietzsche als Ausnahme, Verlag Karl Alber, Freiburg, 219 S., 11,– DM). Der Untertitel seiner leidenschaftlichen und besonnenen, also Nietzsche durchaus gemäßen Schrift heißt: „Zur Überwindung des Willens zur Macht“ und läßt schon erkennen, daß Götz seine Untersuchung von einem Punkt aus führt, der seiner Überzeugung nach außerhalb und oberhalb Nietzsches liegt Es ist (wie schon früher bei Wilhelm Michel) die Position des Glaubens – ganz schlicht „des Glaubens“ (worunter Götz aber allein den christlichen versteht). Daß von dort her ein „Gespräch mit Nietzsche“ ein Monolog bleiben muß, in dem Nietzsche nicht zu Wort kommt, sondern nur verhört wird, dürfte der Verfasser der schon 1942 (also in einer Zeit, da Polemik nötiger schien als Interpretation) abgeschlossenen Arbeit inzwischen selbst erkannt haben.

Als eine Überholung aller früheren Nietzschedeutungen („Überholung“ im zwiefachen Sinne des Revidierens und des Voranlaufens) ist dagegen das Buch von Ludwig Giesz (Nietzsche. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1945) zu betrachten. Giesz führt die Analysen von Jaspers fort, aber ganz ohne eine Psychologie und Pathologie der Weltanschauung Nietzsches zu entwickeln. Er fragt beharrlich und energisch nach dem sachlichen Zusammenhang der Grundkategorien in Nietzsches reifem Philosophieren: des „Willens zur Macht“, des „Übermenschen“ und der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“. Und es ergibt sich, daß diese Kategorien auch ganz abgesehen von spezifischen Erlebnissen, Erfahrungen, Sehnsüchten und Aversionen Nietzsches ein echtes System ausmachen – wenngleich weder ein streng wissenschaftliches noch ein ästhetisches, sondern ein spekulatives, alle mögliche Welterfahrung in sich hineinnehmendes. In diesem System ist nun aber, wie Giesz mit philologisch exaktem Nachweis zeigt, das Subjektive, Individuelle, die Unaufhebbarkeit der einzelnen Welterfahrung nicht wie in allen übrigen Systementwürfen der Epoche Nietzsches vernachlässigt.„Die Philosophie Nietzsches ist... als ‚Existenzmitteilung’ (Kierkegaard) möglicher Spiegel des als Existenz aufgerufenen Lesers.“ Nietzsche selbst verbietet also geradezu, daß man Schlüsse für das praktische Leben aus seinen Worten zieht.

Von diesem wichtigsten Nietzsche-Buch der Gegenwart hatte Leopold Zahn noch keine Kenntnis, als er die diffizile Aufgabe übernahm, Nietzsches Kometengang biographisch nachzuzeichnen (Friedrich Nietzsche. Eine Lebenschronik. Droste-Verlag, Düsseldorf, 328 S. mit 18 Abb.). Es hat sich aber schön gefügt, daß diese Lebensbeschreibung und jene Interpretation einander fast bruchlos ergänzen. Zahn ist einer der ganz wenigen deutschen Schriftsteller, die heute noch der Kunstform der Biographie – einer ebenso unterhaltsamen wie verantwortlichen Form – von innen her mächtig sind. Er kann in leichtem Ton an den äußeren Hergängen das Schicksal

einer großen Seele sichtbar werden lassen und übt den schwierigsten aller Verzichte: die Erlebnisse auf diese Art manches Neue mitgeteilt (etwa über den suggestiven Einfluß des extremen Rationalisten Paul Rée auf den im Abfall von Richard Wagner begriffenen Verfasser der „Unzeitgemäßen Betrachtungen“); der um zuverlässige Orientierung besorgte Leser dagegen, für den Zahn vor allem schreibt, erhält ein plastisches Gesamtbild, das ihn mit produktivem Ungenügen erfüllt und zu eingehenderer Beschäftigung mit dem Werk des Mannes erfüllen wird, der eine Photographie aus der Baseler Zeit mit der Signatur „Friedrich der Unzeitgemäße“ versah.

C. I. L.