Von unserem Korrespondenten A. Bobew

Melbourne, im August

Nein, in Australien ist man nicht nervös, und noch keiner hat gefragt, ob sie kommen, die Bolschewiken. Über die Gefahr auf lange Sicht jedoch ist sich jeder im klaren. Vor Monaten noch war ein anti-kommunistisches Gesetz – eine realistische Maßnahme in der längst begonnenen Auseinandersetzung mit dem Kreml – im Senat von der sozialistischen Mehrheit niedergestimmt worden. Damals nämlich waren die Australier weitaus weniger mit der Frage beschäftigt, ob die kommunistische Partei verboten werden müsse oder nicht, als beispielsweise mit dem abseitigen Problem, in welchem Monat die Olympischen Spiele zu Melbourne – im November oder Dezember des Jahres 1956 – abgehalten werden sollen. Mittlerweile hat der Korea-Krieg dann die Mehrheit der Australier davon überzeugt, daß erst einige Anstrengungen gemacht werden müssen, wenn sie sich in der fernen Zukunft Olympische Spiele zu leisten wünschen.

Von ferne sind Auswirkungen des Korea-Konfliktes inzwischen spürbar geworden: Australiens großzügiger Einwanderungsplan (man wünscht, rund 250 000 Europäer im Jahr aufzunehmen) ist fürs erste einmal ad acta gelegt Worden. Die Aufnahmezentren nämlich, die für die Unterbringung Zehntausender von Neuankömmlingen vorgesehen waren und die immer mehr und mehr ausgebaut wurden, müssen jetzt den Soldaten zurückgegeben werden. Auch die meisten Schiffe, die die IRO-Schützlinge hierher brachten und die in einigen Monaten für andere europäischen Einwanderer freigeworden wären, sind nicht mehr verfügbar, weil sie – ursprünglich Truppentransporter – Eigentum der amerikanischen Armee sind. Die Hoffnung, Gelder aus Amerika für eine langfristige Industrialisierung zu erhalten, schrumpft mehr und mehr zusammen. Die Dollars, die möglicherweise ins Land kommen, sind für den Aufbau der australischen Streitkräfte bestimmt.

In der Tat: Seit dem Ausbruch des Krieges in Korea haben sich die Australier wieder an den Gedanken des Schießkrieges gewöhnt. Natürlich, die Gedanken, die sie sich dabei machten, sind verschieden von europäischen Sorgen. Hier hat man Sorgen um die Soldaten. Sonst macht man sich Gedanken, ob das bestellte Auto mit 15 oder mehr Monaten Lieferfrist (in Australien laufen gegenwärtig über 1 350 000 Kraftwagen, fast ein Drittel mehr als vor fünf Jahren) im Ernstfalle geliefert, oder die Bierproduktion, die den monatlichen Rekord von über acht Liter per Einwohner überschritten hat, eingeschränkt werden wird...