Von Christian E. Lewalter

Hätte um 1900 eine Gallup-Umfrage bei den europäischen Gebildeten ermitteln wollen, von welchen Persönlichkeiten des abgelaufenen Jahrhunderts sie die stärkste Nachwirkung für das kommende erwarteten, dann wären große und jedermann vertraute Namen genannt worden: Charles Darwin, Herbert Spencer, Ernest Renan, Hippolyte Taine, dazu eine gloriose Reihe von Physikern, Chemikern, Technikern, Organisatoren, Kolonisatoren, aus allen Ländern – Maxwell, Liebig, Siemens, Cecil Rhodes. Lauter Repräsentanten des Fortschreitens auf dem Wege zu immer totalerer Erkenntnis, zu immer strafferer Verdichtung der Machtzeritren.

Denn man sah mit stolzer Zufriedenheit zurück auf das Jahrhundert der verbreiterten Bildung, der Hegemonie des weißen Mannes, der Ausschaltung religiöser Vormundschaft. Man rechnete zuversichtlich mit dem Fortgang des so energisch begonnenen Prozesses. Man vertraute auf Institutionen, auf die Autorität vernünftiger Gesetze und die Selbstverständlichkeit des Moralischen.

Und man überhörte die Stimmen des Zweifels, des radikalen Fragens, des wühlenden Unbehagens, der obstinaten Besinnung. Daß mit den Fundamenten etwas nicht stimmen könnte, wollte keinem Geschichtsgläubigen in den Sinn. Eine derartige Kritik konnte nur die Solidarität der modernen Menschheit stören und Sand zwischen die rastlosen Räder der „Entwicklung“ werfen. Aber das war als törichtes Unterfangen abzutun. Welchen Sinn sollte es haben, die Siebenmeilenstiefel des Fortschritts mit Pech zu beschmieren?

Was aus dieser Zuversicht in den nächsten fünfzig Jahren geworden ist, läßt sich an dem Jmstande ablesen, daß drei solchen Toren wider den Entwicklungsglauben, drei Unzeitgemäßen der Fortschrittszeit, drei Ausgeschlossenen und Einsiedlern die bange Aufmerksamkeit der Nachebenden gilt. Drei kräftigen und beharrlichen Stimmen, über die die Mitwelt, sofern sie von ihnen überhaupt Notiz nahm, zur Tagesordnung des Geschichtsprozesses überging.

Die früheste gehörte einem wohlhabenden Junggesellen in Kopenhagen, die zweite einem irmen rheinischen Privatgelehrten in London, die päteste einem pensionierten thüringischen Philoogieprofessor in Engadiner Gasthöfen.

Diese drei, Sören Kierkegaard, Karl Marx und Friedrich Nietzsche, um 1900 kaum bekannt, ragen als die mächtigsten Beweger aus jener Zeit in unsere Tage hinüber. Keiner der drei hat von den beiden anderen etwas erfahren können, und jeder würde, träfen sie sich im Geisterreich, hart und höhnisch mit jedem ins Gericht gehen. Nur der radikale Widerstand gegen die festesten Überzeugungen des Jahrhunderts ist ihnen gemeinsam, das Aufstörende, Beunruhigende, zur Gefahr Herausfordernde. Als ein unheimliches Dreigestirn bestimmen sie den Gang der Weltbegebenheiten. Sie waren die drei Zukünftigen des vergangenen Jahrhunderts.