Von W. Renner

In Kopenhagen behandelt man seit etwa zwei Jahren Alkoholiker mit Antabuse. Jeder Trinker muß von dieser Droge, die die Dänen Hald und Jacobsen erprobten, täglich eine gewisse Menge einnehmen, im Anfang unter ärztlicher Aufsicht, später zu Hause. Wenn er dann trotzdem Alkohol zu sich nimmt, wird ihm sterbenselend. Die Erfolge sind anscheinend gut. Etwa zwei Drittel der Behandelten hassen das Trinken. Sie müssen allerdings die Tabletten viele Monate hindurch nehmen, denn die Wirkung klingt nach einem Tag schon ab. Aber tatsächlich nehmen die meisten echten Trinker das Antabuse bereitwillig. Schädliche Nebenwirkungen sind bisher nicht bekannt geworden. Aber die rechtliche Situation ist noch ungeklärt in den Fällen, in denen Ehefrauen ihren Männern ohne ihr Wissen Antabuse verabreichen. Dieses Problem ist in Skandinavien mit seinen aktiven und temperamentvollen Frauen, die nicht eben selten Männern mit der Neigung zum Trinken angetraut sind, sicher nicht zu vernachlässigen.

In Hamburg werden Alkoholiker von der Trinkerfürsorge betreut. In den letzten Monaten stieg die Zahl der „gemeldeten Trinker“ in Hamburg stetig an. Jetzt sind es etwa tausend; immerhin nur ein kleiner Teil der Zahl von 1939. Da Krankenhäuser und Polizei und viele andere Stellen Meldungen machen, können die ständigen Trinker erfaßt und behandelt werden. Die Hamburger Trinkerfürsorge hat nur wenige Mitarbeiter; sie haben das Herz auf dem rechten Fleck. Durch persönliche Gespräche, Hilfe wie Arbeitsvermittlung und Wohnungsnachweis, Aussprachen mit Ehefrauen und unter Umständen auch durch die Zwangsunterbringung wurden hier etwa sechzig bis siebzig Prozent der Trinker für dauernd von ihrem Laster befreit. Dabei gilt schon einmalige Trunkenheit als Rückfall. Auch die Antialkoholikerorden helfen energisch und nachhaltig. Denn sie geben den Trinkern, die oft vom Leben nicht befriedigt sind, eine neue Zuversicht, einen neuen Halt.

Aus Amerika liegen .Berichte vor über die Heilung von Trinkern in psychotherapeutischen Heilstätten. Solche Heilstätten werden mit großer Energie von mächtigen Verbänden in den USA eingerichtet und unterhalten. Hier wird die Lebensgeschichte der Patienten genau analysiert, und die Ergebnisse werden dann für die Art der nachfolgenden Psychotherapie verwandt. Hypnose, Entspannungsübungen, gemeinsame und einzelne Aussprachen, sowie Sport, Massagen und Gesellschaftsspiele gehören zur Behandlung. Erfolg: 60 Prozent Dauerabstinenten.

Die Frage, warum ein Mensch Trinker wird, läßt sich noch immer nicht beantworten. Es gibt keinen psychologischen Test, der etwa erlauben würde, vorauszusagen, ob ein Mensch diese Neigung in sich hat oder nicht. Jack London, selbst ein Trinker, meinte, daß es hauptsächlich die Gelegenheit sei, die zum Säufer mache. Aber das erklärt nicht, warum so viele Menschen nicht dem Alkohol verfallen, obwohl sie ihn häufig zu sich nehmen. Auch hat das große Experiment der Prohibition in Amerika gezeigt, daß Verbote eher reizen als abschrecken. Sicher spielt auch die Erziehung eine große Rolle. Es gilt in vielen Kreisen als unmännlich, nicht zu trinken. Wie käme es sonst, daß nur fünf von hundert trunksüchtige Frauen sind? Ein körperliches Bedürfnis nach Alkohol gibt es nicht. Ebenso ist die Steigerung der Verträglichkeit von Alkohol auch nach jahrelangem Training nur gering etwa im Vergleich zum Morphium, bei dem oft nach wenigen Monaten schon das Vielfache einer tödlichen Dosis vertragen wird. Während der Morphinist selbst vor Verbrechen nicht zurückschreckt, um sich seinen Rausch zu verschaffen, zeigt der Alkoholismus eine deutliche Anpassung an die Wirtschaftslage. Als im Jahre 1930 die große Wirtschaftskrise kam, sank der Alkoholverbrauch in Deutschland auf die Hälfte des Vorjahres ab. Und in den Jahren vor der Währungsreform haben die Alkoholiker mit weniger Vehemenz nach Alkohol gestrebt als die Raucher nach Nikotin. Jeder Alkoholiker hat sein eigenes Schicksal. Der eine wird ein großer Dichter, der andere läßt seine Begabung in der Gosse verkommen. Das Schicksal der Morphinisten ist hingegen fast uniform. Die Sucht nach beseligendem Vergessen der Wirklichkeit treibt sie aus allen Bindungen heraus, da das Gift sie stärker bindet. Aber auch nicht jeder Mensch, der längere Zeit Morphium erhalten hat, wird Morphinist. Die Wirkung des Morphiums auf das Allgemeinbefinden ist ungeheuer verschieden. Etwa die Hälfte der Menschen reagieren mit Übelkeitsgefühl, Angst und Schwindel, von den anderen wird es als angenehm empfunden. So werden einige Menschen nicht verstehen können, daß jemand schlafmittelsüchtig sein kann, andere werden den Kopf darüber schütteln, daß Menschen sich in übermäßige Wachheit mit Pervitin versetzen müssen.

Was ist es also, was Menschen süchtig macht? Charakterschwäche? Sie ist sicher sehr wesentlich. Liegt nicht in dem Wort Sucht schon die Freiheitsbeschränkung, die Schwäche verborgen? Die Erklärungen psychologischer Art zielen stets dahin, aus dem Schicksal und dem Charakter eines Süchtigen nachträglich zu verstehen, warum alles so kommen mußte. Haben diese Erklärung recht, dann ist es um so schwerer zu begreifen, warum nicht viel mehr Menschen süchtig werden. Auch Tiere können dem Laster verfallen. Aber auch die Tiere zeigen die gleichen Varianten wie die Menschen. Manche gewöhnen sich an das Rauschgift, manche nicht. Und das ist nicht nur unter den verschiedenen Arten, sondern auch unter den verschiedenen Individuen der gleichen Art verschieden. Zuletzt fanden japanische Forscher, daß sogar Gewebskulturen, die nicht nur ohne Seele, sondern auch ohne vegetatives Nervensystem leben, sich nicht nur an Morphium gewöhnen lassen, sondern sogar zugrunde gehen können, wenn man ihnen das Mittel wieder entzieht.

Im letzten Krieg soll die Gewöhnung der opiumsüchtigen Chinesen an Morphium verheerende Folgen gehabt haben. Das Opiumrauchen ist sehr kostspielig, aber dieses Laster bereitet viel geringeren körperlichen und seelischen Verfall als das Morphiumspritzen. Als nun die Japaner durch strenge Gesetze den Opiummißbrauch unterbunden hatten, wandten sich die reichen Chinesen an die japanischen Ärzte, die ihnen Morphium spritzten und sie zu Morphinisten machten. – Alles, was man über die Rauschgiftsucht weiß, gipfelt letzten Endes darin, daß sie ein Attribut der menschlichen Unvollkommenheit ist.