Erfahrungen einer Ausgewanderten

New York, im August

Es geht so schnell, daß man zunächst mal gar keine Zeit hat, über die Konsequenzen nachzudenken. Eben noch hat man, wie jeden Freitag, seinen Scheck für die Woche bekommen – eine Stunde später erfährt man staunend, daß man auf Grund der schlechten Geschäftslage leider ab sofort entlassen sei. Keine vorherige Warnung, keine Kündigungsfrist, kein Zeugnis. Anstellungsverträge gibt es nicht. Man empfängt noch einen Scheck über ein weiteres Wochengehalt als „Trennungsgeld“ – sevtrance pay – klappt seinen Schreibtisch zu und verläßt mit einem freundlichen „I’ll be seeing you“ nach rechts und links das Feld seiner Tätigkeit.

Man ist arbeitslos. Das gilt als ziemlich peinlich in diesem Lande, wo der Erfolg höchstes Gebot ist. Gute Freunde klopfen einem auffallend häufig und allzu ermunternd auf die Schulter und versichern, daß man keinerlei Schwierigkeiten haben würde, einen weitaus besseren Job zu finden. Das stimmt einen verdächtig. Wenn man ein paar Wochen lang alle Stellungsanzeigen der New York Time: abgeklappert hat, weiß man, daß der Verdacht berechtigt war.

Jeder Arbeitslose, der seine Stellung ohne eigenes Verschulden verloren hat, kann einen Antrag auf Unterstützung beim Department of Labor stellen. Ich nehme an, daß die Arbeitsämter der ganzen Welt sich wenig voneinander unterscheiden – wenigstens was Aufmachung und Geruch betrifft. Das für mich zuständige Arbeitsamt ist am Broadway – Ecke 56. Strafe – und riecht genau wie das in Berlin. Es handelt sich um das Arbeitsamt für den nördlichen Teil von Manhattan, der das Negerviertel Harlem einschließt. Beamte und Publikum sind überwiegend farbig. Der große Raum ist durch viele weiße Linien aufgeteilt. Wie eine Aschenbahn. Etwa ein Dutzend „Strecken“ laufen auf eine „Ziellinie“ zu. Ein paar Meter dahinter sind die Schalter. Ein Schild sagt: Stand bebind white line („Das Überschreiten der weißen Linie ist verboten“ würde das in einem Berliner Arbeitsamt heißen!). Wenn die weiße Linie nicht da wäre, würden sich vermutlich besonders verbitterte Arbeitslose auf die Beamten stürzen!

Viele „Strecken“ muß der arbeitslose Neuling durchwandern, bis er am Ende ein Kontrollbüchlein bekommt und ordnungsgemäß registriert ist. Es ist hier zu bemerken, daß man in New York nicht einmal auf dem Arbeitsamt „gerüffelt“ wird. Darin unterscheidet es sich von allen Arbeitsämtern meines bisherigen Lebens. Liebenswürdigkeit und gedämpfte Stimmen werden in New Yorker Büros höher bewertet als jeder Schreibmaschinenrekord.

Mit; seinem Kontrollbüchlein, in dem man jeweils mit „Yes“ und „No“ vermerkt, ob man an einem Tage eine Stellung hatte oder nicht, meldet man sich einmal pro Woche bei der Stellenvermittlung und beim Büro für Arbeitslosenversicherung des Labor Departments. Man steht dort Schlange.