Daß einem ein „Dokument“ des ostzonalen Propagandachefs Gerhard Eisler in der Hamburgischen Universität von kommunistischen Studenten in die Hand gedrückt wird, ohne daß man sie daran hindert, ist ohne Zweifel auch ein Dokument – ein sichtbares Zeichen nämlich westlicher Gleichgültigkeit, wenn nicht gar Feigheit, Es handelt sich bei dieser „demokratischen Schrift“ um ein Heft, das sich gegen den angeblichen Abwurf von Kartoffelkäfern durch amerikanische Flieger in der Sowjetzone wendet und behauptet, diese verbrecherische Kampfesweise sei den Amerikanern ja durchaus zuzutrauen, denn sie hätten sie schon im zweiten Weltkrieg – 1944 – in Deutschland angewandt. Inzwischen ist das Motiv dieser ostzonalen Meldung – nämlich die Schaffung einer Luftpolizei – längst erkannt worden, Das hindert aber die kommunistischen Studenten der Universität Hamburg, von denen man weiß, daß sie aus dem Osten finanziell unterstützt werden, nicht, die Eislersche Schrift zu verbreiten. Das ist in der Bundesrepublik zwar verboten (nach einer Verfügung der Militärregierung darf keine Schrift aus dem Osten mehr verteilt werden), aber wer nimmt es in einer Demokratie mit Verboten schon so genau? Man erhält ja auch ohne Mühe im Straßenverkauf noch die kommunistische „Berliner Illustrierte“ und für die interessierten Intellektuellen, die wissen, daß sich „die Wissenschaft nicht durch Zonengrenzen trennen läßt“ (bei dieser Parole eines kommunistischen Redners spendeten vor einiger Zeit die Studenten der Universität Hamburg laut Beifall) gibt es immer noch Johannes R. Bechers in Potsdam redigierte Zeitschrift „Sinn und Form“.

Warum werden Studenten, die verbotene Schriften verteilen, nicht aus dem Gebäude der Universität verwiesen? Warum werden sie, wenn man sie im Wiederholungsfalle antrifft, nicht überhaupt von der Universität entfernt? Warum weigern sich viele Studenteh und Dozenten der Universität Hamburg so standhaft, das an dieser Hochschule so besonders rührige und gut organisierte Treiben der zahlenmäßig, verschwindend geringen kommunistischen Studentengruppe und ihren von Tag zu Tag steigenden Einfluß im Leben der Universität überhaupt zur Kenntnis zu nehmen? Wollen sie vielleicht so vorsichtig sein wie jener Student, der vor der Universität zu einem Kollegen sagte, der das Flugblatt eines kommunistischen Verteilers vor dessen Augen ungelesen wegwarf: „Seien Sie doch nicht so unvorsichtig – der schreibt Sie gleich auf“? aw.