Das Geheimnis des Grillenzirpens

Während des Sommers wird unsere Arbeitskraft durch allzu hohe Wärme geschwächt. Aber auch in Winter bei außergewöhnlicher Kälte läßt die Intensität nach. Eine bisher noch unbekannte Parallele zu diesen Erscheinungen beim Menschen fand der amerikanische Zoologe Cleve Hallenbeck im Zirpen der Grillen und Heuschrecken.

Schon als Junge hatte der Forscher beobachtet, daß der Gesang der Grillen im Laufe der Nacht nachläßt. Er deutete das zunächst als Ermüdungserscheinung. Später jedoch, nachdem er an den Tieren eingehende Beobachtungen gemacht hatte, entdeckte er, daß die Temperatur der Taktstock ihrer Liebeslieder ist. Eine Grille hatte es ihm besonders angetan. Nacht für Nacht ließ sie sich im Spätsommer von dem Baum vor seinem Fenster hören. Aber so sehr er sich auch bemühte, er bekam sie nicht zu Gesicht. Denn sobald der Forscher Licht aufblitzen ließ, um sie zu erspähen, verstummte sie. Ihre Töne waren so regelmäßig, daß man sie mit dem Ticken einer Uhr vergleichen konnte. Doch je mehr die Temperatur sank, desto langsamer wurde das Zirpen. Stieg sie dagegen, wurde es schneller. Weil die Grille immer wieder ihren angestammten Platz aufsuchte, konnte Hallenbeck sich bei seinen Untersuchungen durch einen Thermographen entlasten. Von Zeit zu Zeit ließ er sich wecken, zählte die Zirplaute eine Minute lang und notierte das Ergebnis zusammen mit der Zeit. Am anderen Tage verglich er die Zahlen mit der von Thermographen aufgeschriebenen Temperaturkurve. Dabei ergab sich eine lineare Beziehung: Zahl der Zirplaate in acht Sekunden plus acht gleich entsprechender Temperaturgrad in Celsius.

Ähnliche Gleichungen ergaben sich auch für Laubheuschrecken. Kallenbeck ruhte nicht eher, als bis er ein ganzes Insektenthermometer zusammengestellt hatte. Er konstruierte sogar einen kreisförmigen Rechenschieber: auf der am unteren Rand angebrachten Skala kann man einen Zeiger auf die Zahl der Zirplaute einstellen; von der Skala im oberen Teil der Kreisscheibe läßt sich dann die Temperatur ablesen. Dabei macht der Katydid (eine amerikanische Grillenart) mit seinen Morsezeichen einen amüsanten Seitensprung. Bei 25 Grad ruft er klar und deutlich die Worte „Käti did it“. Sinkt die Temperatur um 2 Grad, wird die letzte Silbe schwächer und man hört „Käti didn’t“ heraus. Bei weier fallender Temperatur schrumpft der Ruf von 2 zu 2 Grad über „Käti did“, „Käti“ auf „Kät“ zusammen. Bei 13 Grad verstummt er ganz. Meist sind mehrere Tiere gleichzeitig zu hören. Die Temperatur ist aber an den verschiedenen Standorten der Tiere nicht einheitlich. So kommt es vor, daß die einen „Käti did it“ und die anderen „Käti didn’t“ durcheinander rufen. Übersetzt man die englisch klingenden Worte ins Deutsche, so heißen sie: „Käti tat es“ und „Käti tat’s nicht“. Es scheint, als ob ein Streit um Kätis Schuld oder Unschuld ausgebrochen sei, und es ist, als könnten die Brautwerber zu keiner Einigung kommen. Denn nur die Männchen sind bei den Grashüpfern und Grillen sangeslustig. („Glücklich sind die Zikaden, denn ihre Frauen sind stumm“, stellte schon der Grieche Anakreon fest).

Durch das Zirpen ist in dem Temperaturbereich von 13 bis 30 Grad die Wärme genau zu ermitteln. Aber auch darüber und darunter gibt es Reaktionen von Insekten. So läßt sich das Insektenthermometer auf den Spielraum von Null bis 42 Grad ausdehnen. Unter null Grad verfallen alle Sechsbeiner in lethargischen Schlummer. Steigt die Temperatur, beginnen sie bei 2 Grad ihre Glieder zu regen, ab 9 Grad springen die Heuhüpfer. Mit 12 Grad gehen die Ameisen auf Raub aus.

Auch im Bienenkorb ist die Temperatur der Taktstock für den Lebensrhythmus. Unterhalb 14 Grad ballen sich die Tiere zu einem Klumpen zusammen und halten diesen: Wärmegrad durch mehr oder weniger heftiges Flügelschlägen aufrecht. Bei 20 Grad werden die Immen reizbar und stechen gern, bei 27 Grad jedoch sind sie wieder verträglich; bei 40 Grad aber erlischt ihre Arbeitsfreudigkeit. Woran aber liegt es, daß die Insekten so stark auf die Temperatur reagieren? Ihr Stoffwechsel erzeugt wenig Wärme. Daher stellt sich der winzige Insektenkörper immer auf die Temperatur seiner Umgebung ein.

H. R. Scultetus