Zehn Jahre sind erst vergangen, seit Lew Dawidowitsch Trotzki in Coyoacan (Mexiko) von dem spanischen Kommunisten Mercader alias Jacson-Mornard erschlagen wurde, – und ist er fast vergessen! Zu Unrecht: denn Trotzki war der Generalstabschef jener Revolution von 1917, die sich immer mehr als die folgenschwerste aller geschichtlichen Revolutionen erweist, Wer heute noch an Trotzki denkt, denkt milde über ihn. Seit er nach Lenins Tod von Stalin gestürzt, dann in die Emigration gejagt und immer weiter bis zu seinem tragischen Ende am 20. August 1940 auf den Tod verfolgt wurde, bemitleidet man, diesen hochbegabten Theoretiker und Revolutionär. Man sollte darüber aber nicht vergessen, daß Trotzki heute wahrscheinlich nicht weniger gefürchtet wäre als Stalin, wäre er es gewesen, der die innere Auseinandersetzung um die Führung des Bolschewismus in den zwanziger Jahren gewonnen und Stalin zum Opfer gemacht hätte. Trotzki hat sich von Stalin nicht dadurch unterschieden, daß er etwa friedlicher, rücksichtsvoller, vielleicht gar moralischer gewesen wäre. Die Differenz zwischen den beiden Männern lag vielmehr darin, daß Stalin in der inneren Politik einem System von Atempausen, in der Weltpolitik den Aufbau der Sowjetmacht dem Wagnis der großen Auseinandersetzung mit dem Westen vorzog, Trotzki dagegen die sofortige und permanente Revolution nach innen und außen wollte. Was heute als Trotzkismus übriggeblieben ist, hat mit diesem Streit der Prinzipien freilich nicht mehr viel zu tun. Unter dem Namen Trotzkismus sammeln sich heute malcontente Kommunisten der ganzen Welt, die in die allgemeine Polemik gegen den Stalinismus einstimmen.

Sie sind dem Westen in seiner prekären Lage willkommene Mitläufer. Vielleicht werden sie sogar wieder eine selbständige politische Rolle spielen: durch die Entstehung einer zweiten kommunistischen Häresie, des Titoismus. Zwar hat man in Belgrad lange Zeit sauer reagiert, wenn Parallelen zwischen Titoismus und Trotzkismus gezogen wurden – neuerdings scheint man sich aber anders besonnen zu haben. In einem vertraulichen Bulletin, das nur einen begrenzten Kreis von Mitgliedern der Tito-Partei zugänglich ist, war kürzlich eine der Einladungen wiedergegeben, die ausländische Trotzkisten immer wieder an Tito gerichtet haben. Überdies gab einer, der Belgrader Parteitheoretiker zur Frage Tito–Trotzki ein Interview, worin neben den Differenzen, welche Titoismus und Trotkismus trennen, auch die Übereinstimmungen erörtert wurden, die sie verbinden: eine andere Haltung als die Trotzkisten nimmt Tito insofern ein, als er eine internationale Steuerung der kommunistischen Welt durch eine besondere Organisation (wie die Kominform) ablehnt. Ferner besteht er darauf, daß ein kommunistischer Staat in einer kapitalistischen Umwelt existieren kann, und schließlich nennt er die Moskauer Außenpolitik „imperialistisch“ (während die Trotzkisten sie nur selbst machen wollen). Übereinstimmung dagegen besteht darüber, daß Stalin nicht zu den großen Lehrern der kommunistischen Doktrine gehört, sondern nur Marx, Engels und Lenin, daß das Politbüro keine Kompetenz habe, die kommunistische Bewegung auf der ganzen Welt diktatorisch zu lenken, daß das boschewistische System keine Herrschaft des Proletariats, sondern der Bürokratie sei, und daß die Fabriken von Arbeiterräten geleitet werden müßten.

Möglich ist es, daß der Trotzkismus auf diesem Wege der Verständigung mit Tito wieder politische Bedeutung in einer fünften Internationale erlangen könnte. Aber es würde ein gefährliches Experiment vor allem für Tito selbst sein. Jugoslawien trägt heute schon Lasten, die weit über seine Kraft gehen. Es ist die Frage, ob es sich noch die des Toten von Coyoacan aufladen kann. H. A.