Von Jan Molitor

Das ist die alte Regel –: Wer den Kampf der Straßen kämpft, der ist gezwungen, seine Rechnung mit der Polizei zu machen ... Zogen da am letzten Sonntag in Dortmund 400 kommunistische "Friedenskämpfer" zu einer verbotenen Kundgebung aus. Die Polizei griff ein, und FdJ-Mitglieder kehrten ihre Fahnenstangen gegen sie, und es war beinahe so wie vor zwanzig Jahren. "Ist denn das Arbeiterblut vom Wedding Buttermilch?", so wetterte Dr. Goebbels. Auch damals, als die Nationalsozialisten am Wedding, dem Berliner Arbeiterviertel, demonstriert hatten, war die Polizei nicht in ihren Unterkünften geblieben. Verwundete auf beiden Seiten. Und um bei dem frivolen Goebbels-Wort zu bleiben –: Polizistenblut pflegt beim Kampf um die Straße auch nicht teurer als Buttermilch zu sein. So hatte, wie zur Zeit der Straßenkämpfe vor zwanzig Jahren jüngst auch in Dortmund die Polizei Verletzte... Das Neue aber, das man beachten muß, ist die Aktivität der FDJler mit ihren schlagkräftigen Fahnen.

Und hier ein anderes Beispiel: "Wir kamen auf dem Hauptbahnhof an, 400 Jungpioniere aus dem Ferienlager Rügen, und marschierten abends durch die Innenstadt. Am Hauptbahnhof standen Leute von der DP –: die hatten Jungens aus dem ‚Hachmann-Bunker‘ mit Schnaps und Zigaretten aufgewiegelt. Als wir marschierten, schlugen diese Jungen uns und bewarfen uns mit Steinen, und die Polizei fuhr nebenher und sah zu..." Die Szene, die der kommunistische Jungpionier derart schilderte, hat sich am 1. August in Hamburg abgespielt und war vielleicht ein Auftakt für allerlei kommende Dinge. Einer der Jungpioniere liegt noch heute im Krankenhaus; er hatte tagelang – ein Schock! – die Sprache verloren. – "Wer hat den Jungen aber ins Krankenhaus gebacht?" – "Ein Polizeiauto", gab der Jungpionier zögernd, doch ehrlich zu.

Es ist nun wichtig, zu erfahren, aus welchen Reihen sich gerade die Aktiven unter den westdeutschen FDJlern rekrutieren und wer andererseits bereit ist, sich gegen sie "aufwiegeln" zu lassen, und sei es um Schnaps und Zigaretten ... Zwei Orte gibt es – um ein Hamburger Beispiel zu nennen – in der Gegend des Hauptbahnhofs, in denen das Elend wohnt: den "Hachmann-Bunker", einen ehemaligen Luftschutzraum, wo Obdachlose für den Preis von 30 Pfennigen ein ärmliches Nachtquartier erhalten, und die "Jahnhalle", ein Gebäude der "Hamburger Turnerschaft von 1816", wo an die hundert Ehepaare und mehr als hundert Kinder und noch viel mehr anhanglose Mädchen und Frauen, Burschen und Männer hausen: Gestrandete der Nachkriegszeit. "Asyl ohne Hoffnung" – so hat die kommunistische "Hamburger Volkszeitung" die "Jahnhalle" nicht ohne Grund genannt. Aber wieso die "Volkszeitung"? Hörte man nicht schon vor zwei Wochen, daß dieses Blatt für drei Monate verboten sei? "Jawoll, verboten!" erwiderte der junge Mann, der ein Zeitungspaket unterm Mantel trug und am Hauptbahnhof die späten Gäste erwartete; er kassierte 20 Pfennige für eines der alten Exemplare ein und gab kostenlos ein Blatt als Dreingabe, das keiner Rotationsmaschine, sondern einem Vervielfältigungsapparat entstammte: "Hamburger Volkszeitung trotz Verbot", lautete die Hauptzeile, und im Text wird Hamburgs Bürgermeister Brauer für das Verbot verantwortlich gemacht und "Kriegshetzer" und "USA-Agent" genannt und folglich statt mit einem "au" mit "ow" geschrieben: "Mister Brower". Der junge Mann aber, der das Blatt verteilte, ist einer, der im "Hachmann-Bunker" zu schlafen und in der "Jahnhalle" bei "Mutter Jahnsche" zu essen pflegt, und er ist einer, den man gelehrt hat, aktiv zu sein. Kommunist? Er weiß noch nicht, er zögert noch, er hat sich noch zu keinem Parteibuch entschlossen... Immerhin, als seine "Kluft" ihm in "Fetzen vom Leibe hing", hat er eine neue Hose bekommen. Ein Vertreter der "Freien Deutschen Jugend" hat sie ihm überreicht, wobei er erfuhr, daß Fiete Dettmann und Willy Prinz, die beiden Hamburger Kommunistenführer, "dahinter stünden". – "Hinter der Hose?" Ein empörter Blick verrät, daß er dies Geschenk nicht bespöttelt haben will. Die Kommunisten halfen ihm, weil er in Not war, aber sie halfen ihm auch, weil... "Wie hieß noch der Ausdruck?" – "Weil ich politisch fähig bin ..." – "Was heißt das?" – "Einsatzbereit". –

Überflüssig, zu fragen, was "einsatzbereit" bedeutet. Denn fünf Jahre haben nicht genügt, alle Sprachschätze aus Deutschlands "großer Zeit" vergessen zu machen. Überflüssig auch, danach zu sagen, daß die Jungen aus dem "Hachmann-Bunker" und der "Jahnhalle" weder echte Kommunisten noch echte Antikommunisten sind. Es treibt sie kein Glaube, keine Ideologie. Sie sind nur radikal. Und sind gelegentlich "einsatzbereit", weil sie sich verloren fühlen... Es gibt in der "Jahnhalle" ein Dutzend junger Männer, die von den Kommunisten für "politisch fähig" gehalten werden. Der wohl Fähigste von ihnen ist "Jumbo": er sammelt mit Bravour Unterschriften gegen die Atombombe und fürchtet sich nicht, am wenigsten vor der Polizei. Und deshalb schenkten prominente Kommunistenführer dem lachenden, strahlenden "Jumbo" einen funkelnagelneuen Schlips...

Nichts gegen Leute wie "Jumbo" in Hamburg, der Schlächtergeselle ist, keine Stelle hat und "politisch fähig" ist! Nichts gegen "Schmier", einen unentwegten Illegalen in Frankfurt, der Stadt, die, weil die Amerikaner in ihrer Zone energisch gegen die illegalen Kommunisten vorgehen, die Bedeutung, Zentrale zu sein, an Hamburg abgegeben hat. Nichts gegen "Tarok", den jungen Draufgänger im Ruhrgebiet, der sich krank meldete, als der "SED-Tag" in Berlin stattfand und dort in der Uniform der FDJ al (Delegierter auftrat! Die Tatsache, daß die "SA-Kämpfer" aus der Zeit vor tausend Jahren – wie jener damals sehr bekannte "Schweinebacke" in Berlin – ebenfalls mit Spitznamen gerufen wurden, läßt keinen Vergleich zu. Jene waren irregeleitete Fanatiker, Entwurzelte des bürgerlichen Lebens; diese aber sind junge Menschen, die niemals Wurzel schlugen: ihnen ist die FDJ ihnen ist die Partei Halt und Heimat. Zögernd treten sie der Partei näher – voll heimlicher Liebe zur Gefahr – und unvermittelt packt sie der Schwung der Jugend. Und da bei den Kommunisten das Wort "Elan" groß geschrieben Wird, fühlen sie sich hier verstanden.