Kempten im Allgäu wurde 2000 Jahre

Viele Reisende, die die Luftkurorte des Allgäus besuchen, fahren achtlos an Kempten vorbei. Im besten Falle kennen sie von der Durchreise eins der nichtssagenden Hotels der Neustadt am Bahnhof. Wer sich aber die Mühe nimmt, den Freudenberg hinabzusteigen – schon der Name ist verheißungsvoll –, der wird belohnt. Weder hat der Bombenkrieg hier Löcher gerissen, noch der böse Geist des 19. Jahrhunderts häßliche Züge eingegraben. Der Kern der Stadt ist so fest gefügt wie nur bei wenigen der berühmteren Kunststätten. Umkränzt von grünen Höhen, angeschmiegt an die strömende Hier, an deren Ufer der Burgberg aufragt, liegt die Altstadt da. Einst hatte eine römische Legion hier oben ihr Standquartier, Alemannen vertrieben sie in den Stürmen der Völkerwanderung, deutsche Kaiser hielten ihre Hand über die freie Reichsstadt, dann wurden Burg und Stadt fürstäbtliche Residenz und blieben es bis zur Säkularisation. Von der Burghalde aber schweift der Blick über das mattengrüne Vorland zu der milchigblauen Alpenkette im Süden.

An Kunstwerken gibt es in Kempten eine Menge: das Rathaus mit seinen Treppengiebeln und den zweiflügligen Aufgang an der vorderen und hinteren Schmalseite, das breitgelagerte Kornhaus, die wuchtige an den Salzburger Dom erinnernde St.-Lorenz-Kirche, den spätgotischen Brunnen am ihrer Seite, und die vornehm barocke Fassade der ehemaligen Residenz. Die Neuzeit hat 1905 auf dem Marktplatz den Brunnen von der Meisterhand Wrbas hinzugefügt.

Diese Stadt mit ihren verwinkelten Gassen, überraschenden Durchblicken und geruhsamen Plätzen feiert in diesem Monat ihr zweitausendjähriges Bestehen. Es gibt wohl keine andere deutsche Stadt die stolz darauf sein kann, daß sie bereits von einem griechischen Geographen erwähnt wird. Er hieß Strabo und wurde im Jahre 66 n. Chr. geboren. In der Allgäuer Festwoche vom 25. August bis 3. September mit Ausstellungen und Festzügen wird die jubilierende Stadt der Mittelpunkt sein. In den Gassen der Altstadt rüstet man zur Feier. Da führt vom Rathaus her die prachtvolle Fischersteige mit doppelter Freitreppe und zwei Absätzen zur höherliegenden Straße. Am Fuße lädt eine Brunnennische zum Verweilen ein, überrankt von wildem Wein. Die Spanische Treppe in Rom mag großartiger sein, die Fischersteige ist entschieden malerischer. Ein behäbiges Bürgerhaus reiht sich hier an das andere. Selbst die einfachen Häuser betonen ihre Eigenart durch bunte Farben. Da steht ein Moosgrün neben einem sanften Rosa und Ockergelb, und alle vertragen sich miteinander. Und diese Farbigkeit ist nicht nur museales Erbe der Vergangenheit, sie wird auch heute noch gepflegt. Selbst die ärmeren Viertel haben Gestalt und Charakter. Die Namen allein erzählen: da gibt es einen Suppenbühlsteig, eine Gasse „Ehemals beim Schneider Mich!“ und „Unterm “Mäuerle“, sowie eine Wirtschaft „Hinterer Mohren“. Der „Schwan“, Gasthof und Ausschank, wird freitags geschlossen: „Heute nacht und morgen früh ist niemand daheim.“ – „Aber ein Zimmer haben Sie?“ – „Freilich, gern.“ „Was machen wir da?“ – „Das Geld legen S’ halt auf den Tisch. Hier sind die Hausschlüssel. Tun Sie nur gut zusperren und die Schlüssel in die Brieflade draußen am Tor werfen.“ Und so geschah es. Wo gibt es so etwas noch außer im „Schwan“ zu Kempten im Allgäu? H. M.