Inmitten aller Sorgen um die gegenwärtigen Spannungen zwischen Ost und West dürfen wir unsere Kriegsgefangenen in Sowjetrußland nicht vergessen. Der Kreml leugnete ihre Existenz, erklärte unter Protest der ganzen zivilisierten Welt, die Kriegsgefangenen seien entlassen und heimgesandt Seitdem ist es still um die Unglücklichen geworden, die nicht heimkehrten, weil sie aus Kriegsgefangenen zu „Kriegsverbrechern“ und Strafgefangenen verwandelt wurden. Das war der sowjetische Trick, der zur alten Tyrannei ein neues himmelschreiendes Unrecht hinzufügte. Man kennt den Umfang dieses Verbrechens nicht genau. Denn Sowjetrußland schweigt. Um so mehr sollten die Berichte der Augenzeugen beachtet werden, denen ein hartes Schicksal die Gelegenheit gab, Einblick zu nehmen in jenes sowjetische Verfahren, Kriegsgefangene in „Verbrecher“ umzufälschen. – Die „Zeit“ hat in diesem Tatsachenbericht, dessen Veröffentlichung heute beginnt, unbezweifelbar sachliche und objektive Darstellungen verschiedener Beobachter vereint: Erlebnisse einzelner Männer im dunklen Sowjetreich, die insgesamt geeignet sind, die Methode zu kennzeichnen, mit der die Sowjets gegen wehrlose Menschen vorgehen, und schließlich das ganze Ausmaß der menschlichen Tragödie ahnen zu lassen.

Nach Jahren trüber Gefangenschaft, nach entnervender Arbeit, nach Hunger, Entbehrung, Krankheit, nach Jahren bohrenden Heimwehs kam für jeden noch lebenden deutschen Gefangenen die letzte Vernehmung im sowjetrussischen Lager. Einer, der so glücklich war, kurz „vor Toresschluß“ die Heimat zu erreichen, schildert folgendes typisches Verhör... Ein Verhör? Nein, ein Versuch, aus Gefangenen „Verbrecher“ zu machen...

Tagelang hatten wir auf das Verhör gewartet. Endlich! Eines Tages war es soweit. Merkwürdig – nun war ich ruhig, ganz ruhig. Wir wurden durch das Lager geführt, und dann war ich allein mit dem russischen Offizier. Brütend heiß war es in dem kahlen Raum. Erst ergingen die üblichen Fragen nach den Personalien. Der Russe sprach fließend Deutsch.

„Ihre Division hat Greueltaten begangen?“

„Nein.“

„Doch, es ist mir bekannt, daß Ihre Division Greueltaten beging. Antworten Sie!“

„Solange ich bei der Division war, habe ich keine Greueltaten erlebt.“