Von Erwin Topf

Die Flaute ist zu Ende, und eine ziemlich steife Brise, gewöhnlich (nicht ganz präzise) als Rüstungskonjunktur bezeichnet, bläst jetzt da draußen – so stark, daß wir es auch in Westdeutschland verspüren. Daß die Kaufleute und Unternehmer schnell darauf reagieren, ist nicht weiter verwunderlich. Die Neigung der Hausfrauen (vor allem wohl in den ländlich-landwirtschaftlichen Bezirken), sich mit Hamsterkäufen einzudecken, ist zwar unerfreulich, sollte aber nicht weiter tragisch genommen werden. Denn jede Mark an Einkommen kann ja eben nur einmal ausgegeben werden. Das ist also eine Bremse, die sehr wirkungsvoll jenes vielfach befürchtete "Heißlaufen" des Geldes (zum mindesten des "Konsumentengeldes") verhindert. Was man angesichts der tiefsinnigen Spekulationen, die sich mit der erhöhten Umlaufsgeschwindigkeit des Geldes beschäftigen und dies Scheinproblem (denn mehr ist es in Wirklichkeit nicht) unnütz dramatisieren, nicht vergessen sollte. Wichtig ist nur, daß eine unabhängige Notenbank vorhanden ist, stark genug, um Kreditschöpfung und -ausweitung da abzubremsen, wo sie zur konsumtiven oder spekulativen Übernachfrage führen könnte.

Die Kritiker der kreditpolitischen Generallinie unserer Zentralbank haben, fast alle, sehr schnell eingesehen, wie sehr sie im Unrecht waren, als sie den Herren Vocke und Bernard seit Jahr und Tag falsche Vorsicht da vorwarfen, wo in Wirklichkeit nur kluge Voraussicht am Werke war – so, wie das unserer Situation genau entsprach. Sehr schnell hat man auch im Bundesfinanzministerium auf die neue wirtschaftliche Entwicklung reagiert. Und offenbar sind Minister und Referenten recht froh darüber, daß manche bereits weit gediehenen Pläne, die (wenn auch unter andersklingenden Namen laufend) in Wirklichkeit doch nur auf eine kräftige Kreditausweitung abzielten, immer noch gut verwahrt in den Schubladen liegen und nicht vorschnell herausgegeben worden sind. Voraussichtlich werden sie da lange liegen bleiben können.

Auf der anderen Seite ist der Gewerkschaftsbund in einer kaum beneidenswerten taktischen Zwickmühle. Seine jüngste Verlautbarung, die sich (mit Recht) gegen den Antagonismus zwischen der von Erhard und der von Niklas betriebenen Außenhandelspolitik wendet, kann der Wirtschaftsminister insofern als ein Plus für seine Generallinie der Liberalisierung buchen; die kürzlich von anderer Seite vorschnell besungene agrarpolitische Einheitsfront zwischen Erzeugern und Verbrauchern ist da plötzlich nicht mehr existent. Was die Gewerkschaften sonst an Maßnahmen gegen die "anhaltende Preissteigerung" bei Lebensmitteln und Verbrauchsgütern vorschlagen (aber welche Verbrauchsgüter sind eigentlich letzthin teurer geworden?), braucht Erhard nicht zu schrecken. Das Kernstück ist die Bildung eines "Preisrats". Dabei weiß jeder, daß eine solche Institution ebensowenig taugt, wie ein Holzgewehr zum Schließen. Mit Vergnügen sieht man, wieviel die Gewerkschaften seit dem Herbst 1948 zugelernt haben, als sie mit einem Generalstreik-Protest und einem Aktions-Programm gegen die Preisentwicklung angehen wollten. Daß sie heute so zahm sind, erklärt sich wohl aus der Erkenntnis: peccatur intra muros et extra. Man kann eben nicht mit der linken Hand die Lohnschraube in Bewegung setzen, gleichzeitig aber mit der rechten Hand die Preise auf der ganzen Linie festhalten oder gar noch zurückdrücken wollen. Vorläufig scheint der DGB die Politik des Gleichgewichts für wichtiger zu halten als diejenige des Hochschaukelns.

Nun gibt es freilich immer noch einige Unbelehrbare, die treuherzig an der Konzeption festhalten, daß die Folgen eines verlorenen Krieges mit seinen materiellen Zerstörungen, seinen Gebietsverlusten im Osten und der so notwendig gewordenen Aufnahme von neun Millionen vertriebener Menschen im Bundesgebiet heute längst schon überwunden wären, wenn man nur die Zaubertüte des Kredits weit genug geöffnet hätte... Dazu gehört Professor Nölting, der Erhards Wirtschaftspolitik für die 1,5 Millionen Arbeitslosen im Bundesgebiet verantwortlich machen will – anstatt die Politik der Abkommen von Jalta und von Potsdam (und was uns in deren Konsequenz noch weiterhin politisch aufgeladen worden ist). Dazu gehört Professor Weisser, der "zusätzliche Nachfrage durch Geldschöpfung" schaffen will – auch heute noch! Charakteristisch ist auch, wie sich das "Wirtschaftswissenschaftliche Institut der Gewerkschaften" (in seinen "Mitteilungen") zur Arbeitsbeschaffung äußert. Da heißt es etwa: "Ob das Programm im Endeffekt zu einer Zunahme der Kaufkraft führt, hängt insbesondere davon ab, welche Mittel gleichzeitig auf den Gegenwertkonten stillgelegt oder freigegeben werden." An diesem Satz ist eigentlich alles falsch. Denn das. was der Verfasser wirklich meint – ob nämlich durch das Arbeitsbeschaffungsprogramm eine zusätzliche Nachfrage entsteht –, hängt nicht nur von den Bewegungen auf den Gegenwertkonten ab, sondern von einer ganzen Reihe anderer Faktoren, über die jeweils in den Monatsberichten der BdL ausführlich Rechnung gelegt wird. Diese Verschiebungen der monetären Quantitäten besagen nun zwar manches über Liquidität und Preistendenz, aber noch nicht das geringste über eine Zunahme der "Kaufkraft", speziell nichts darüber, ob die "Kaufkraft" wirklich steigt – dank höherer volkswirtschaftlicher Leistung, bei einerechten Zunahme des Sozialprodukts also – oder ob zusätzliche "Kaufkraft" geschaffen ist: ohne entsprechende Produktionszunahme also. Das betrachtet, der Verfasser als ein Positivum, wie es scheint, und als Maßstab für die Wirksamkeit des Arbeitsbeschaffungsprogramms. Wir sind a nun anderer Ansicht.

Die alte Version, daß der Lastenausgleich durch eine einfache Manipulation mit Schuldtiteln gleichsam schmerzlos und "ohne Berufsstörung" vor zwei Jahren schon hätte über die Bühne gehen können, wenn eben die Alliierten, nicht einer solchen Patentlösung widersprochen hättet, ist auch wieder da. So wörtlich in der "Wirtschafts-Zeitung" ("Deutsche Zeitung") in Nr. 62: "Im Rahmen der Geldreform hatte man die Möglichkeit, die Mittel für einen einigermaßen befriedigenden Lastenausgleich nach und nach zu beschaffen." Das ist nicht leicht zu verstehen. Denn auf "die Mittel" kommt es ja gar nicht an; die sind auch über die Notenpresse zu "beschaffen". Die Empfänger des Lastenausgleichs brauchen aber nicht irgendwelche abstrakten "Mittel", sondern Nahrung und Kleidung, Wohnungen und Hausrat, vor allem Arbeitsplätze. Dergleichen kann aber nicht "im Rahmen der Geldreform" verfüglich gemacht, sondern muß als reales Volkseinkommen erarbeitet, zu Verbrauch und Anlage bereitgestellt werden. Wieso irgendeine andere Methode, die man bei der Geldneuordnung etwa hätte einschlagen können, diese Zunahme des Sozialprodukts eher und besser geschafft hätte, ist völlig unerfindlich.

Noch unklarer aber wird das, was unser Frankfurter Kollege Otto Hoffmann da über den Lastenausgleich sagt, dadurch, daß er sein Steckenpferd – die Theorie vom "monetären Spielraum" – wieder aus dem Stall zieht, um "abermals" zu behaupten: was seit dem Währungsstichtag an Geldvolumen "infolge Kreditschöpfung des Banksystems" neu entstanden sei, das hätte man ebensogut nach dem Homburger Plan durch eine allmähliche Freigabe aus (zunächst blockierten) RM-Guthaben der Wirtschaft verfüglich machen können. Diese Behauptung übersieht völlig, was für einen Unterschied für die Produktivitätsentwicklung es ausmacht, ob nun ein RM-Besitzer automatisch "freie Mittel" in DM erhält oder ob er DM-Kredite nur dann in die Hand bekommt, wenn er für deren Verzinsung aufkommen muß. Übersehen wird ferner das Problem, daß jedes Guthaben zugleich eine Schuld darstellt: wo also wären, bei freigegebenen DM-Quoten aus RM-Guthaben, die Debitoren zugewachsen?