E. G., London, Ende August

Die Preise steigen überall, nicht nur in Deutschland. Es wird uns sogar vom Ausland bestätigt, daß sie bei uns weniger steigen als in anderen Ländern, etwa England. Es sei uns wenigstens im ersten Halbjahr 1950 gelungen, unsere Lebenshaltungskosten ein wenig zu senken und die Preise für Grundstoffe nur um 3 v. H. steigen zu lassen. Demgegenüber sei in England, so unterstreicht der Manchester Guardian im Vergleich zum Vorjahre der Index für Grundstoffe um 32,5 v. H. in die Höhe geklettert – und wenn die deutschen und britischen Indizes auch nicht voll vergleichbar seien, so könne man doch von einer erheblich kräftigeren Verteuerung der Grundstoffe (und der Lebenshaltung) in England als in Deutschland sprechen.

Diese Feststellungen stehen keineswegs allein. Britische Importeure verwiesen noch vor Jahresfrist oft auf die zu hohen deutschen Preise als zusätzliches Hindernis größerer Bestellungen in Deutschland (neben den damaligen engen Grenzen des Handelsvertrages, die nunmehr durch weitgehende Liberalisierung wesentlich weitergesteckt worden sind). Jetzt sind sie oft beeindruckt von echten deutschen Kostensenkungen und von der weitgehenden „Kompensation“ höherer Materialkosten durch verbesserte Produktionsmethoden, schärfere Kalkulation oder andere Mittel, die auf den britischen Breitengraden der Vollbeschäftigung nicht immer verfügbar sind – wie etwa eine gemeinsame Leistungsanspannung von Werksleitung und Belegschaften.

Man verkennt in England keineswegs, daß sich daraus (und aus den erheblichen zusätzlichen Rüstungslasten für England und andere westeuropäische Länder, jedoch vorerst nicht für Deutschland) ein zunehmender Konkurrenzvorsprung ergibt, der sicherlich den deutschen „Nachteil“ der geringeren D-Mark-Berichtigung in der Abwertungswelle vom September 1949 bereits wettgemacht haben dürfte. Die Engländer haben zwar von der Entwicklung ihrer Dollar-Exporte her, vor allem an Rohstoffen aus den Kolonien, wie Gummi und Zinn, keinen Anlaß, über die Abwertung traurig zu sein: Die Amerikaner haben ihren Willen bekommen, nämlich die Pfundabwertung; der britischen Labour-Regierung blieb der härtere Weg erspart, nämlich die beträchtliche Kostensenkung durch Leistungssteigerung, und in den Kolonien, vor allem im unruhigen Malaya, wurde aus höheren Pfundertragen der Weg zu Lohnerhöhungen und sozialen Verbesserungen frei. Doch von der gesamten Zahlungsbilanz her machen sich, nicht unerwartet, einige Sorgen über die Auswirkungen der Abwertung bemerkbar: Die Einfuhr hat sich für England erheblich verteuert, die Pfunderlöse aus der Ausfuhr weisen auch nicht annähernd gleiche Steigerung auf, das Handelsdefizit kann nicht durch mengenmäßige Erhöhung der Exporte beseitigt werden – und dementsprechend steigt seit einigen Wochen an den internationalen Devisenmärkten das Angebot an „schwarzen“ Pfunden, während der Kurs in New York von 2,70 auf 2,65 $ (gegenüber dem offiziellen Kurs von 2,80 $) gefallen ist. Die City beunruhigt nicht so sehr der leichte Rückgang „als solcher“, sondern der Hintergrund: eben das wachsende britische Handelsdefizit und der zu erwartende langfristige Charakter dieser Tendenz zum Defizit.

Die Antwort muß, so unterstreicht man in der City ganz energisch, Inflationsbekämpfung zu Hause, nicht etwa Abwertung des Pferdes nach außen lauten. Die im vergangenen Herbst gewählten – im Falle Deutschland für uns von anderen gewählten – Kurse für die europäischen Währungen haben sich nach Ansicht englischer Bankiers im ganzen durchaus bewährt. Unruhige Gemüter auf dem Kontinent, die bald für die Unterzeichnung der EPU, bald für die Finanzierung der europäischen Rüstungen den Zauberstab neuer Aufwertungen oder Abwertungen hervorholen wollen, rät man in der City ganz entschieden ab: beschleunigtes Tempo möge im Verkehr von Vorteil sein und die Völker einander näherbringen. In der Währungspolitik seien Kursänderungen „alle Jahre wieder“ ganz entschieden vom Übel und kein Mittel, um die bevorstehenden Rüstungen zu finanzieren: „Dann schon lieber offene und ehrliche Kapitalabgaben zu Hause“, so meinte dazu ein jüngerer, noch nicht in jeder Beziehung konservativer City-Bankier.