In zwölf Punkten legte der ostzonale Präsident Wilhelm Pieck in seiner Rede auf dem Nationalkongreß in Berlin dar, was sie die verantwortlichen sowjetzonalen Stellen unter jenem „nationalen Widerstand“ vorstellen, zu dem sie die westdeutsche Bevölkerung aufgerufen haben. Das Fazit dieser zwölf Punkte aber ist in einem einzigen Satz zu ziehen: Es ist – getreu der Devise der sowjetischen Außenpolitik, die eine bewaffnete Auseinandersetzung mit Amerika vermeiden möchte – der Aufruf zum Birgerkrieg in Deutschland, getarnt mit der nationalen Farbe eines „patriotischen“ Widerstandes gegen die „amerikanischen Kriegstreiber und Imperialisten“. Schon im ersten Punkt wird zum Widerstand gegen das Besatzungsstatut aufgerufen, im zweiten wird einer „Remilitarisierung“ Westdeutschlands der Kampf angesagt. Durch den dritten soll eine angebliche westdeutsche Rüstungsproduktion verhindert werden, im sechsten geht es gegen die Einfuhr amerikanischer Waren ins Bundesgebiet, und im zehnten heißt es: „Der nationale Widerstand richtet sich gegen alle Maßnahmen der Bonner Verwaltung und der anglo-amerikanischen Gouverneure, mit denen die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Westdeutschland und der deutschen demokratischen Republik eingeschränkt werden sollen.“ Zu guter Letzt schließlich wird es „allen Deutschen zur selbst verständlichen Pflicht gemacht“, gegen die antikommunistischen Maßnahmen der Militärregierungen „eine wirksame Protestbewegung“ zu entfalten und die „Friedenskämpfer vor Terror und Gewalt zu schützen“.

Diese zwölf Punkte, von deren Durchführung sich der westdeutsche KP-Führer Max Reimann in einer Rede vor dem Berliner Kongreß eine „wesentliche Intensivierung“ des Kampfes in der Bundesrepublik verspricht, läßt an Deutlichkeit nichts mehr zu wünschen übrig. Aber diese Intensivierung, die Reimann ankündigt, dürfte nun wohl auch bei der westlichen Abwehrfront ihr Echo finden. Angesichts solcher Deutlichkeit werden es sich vielleicht die alliierten Militärregierungen überlegen, ob sie die Abwehr kommunistischer Agitionsversammlungen – wie etwa das für den 1. Oktober geplante FDJ-„Treffen der Hunderttausend“ in Dortmund – als eine interne deutsche Angelegenheit betrachten. In Dortmund zumindest sind die Propagandamarsche der FDJ trotz des deutschen Verbotes nach wie vor geplant, daran lassen die ostzonalen Blätter keinen Zweifel. Es fragt sich ja auch, wer das Verbot der Bundesregierung denn durchsetzen soll – die Polizei ist viel zu schwach, um gegen Tausende fanatisierter Jugendlicher anzutreten.

Denn diese verhetzte Jugend war das beste „Kolorit“, das sich die ostzonalen Stellen für ihren Berliner Kongreß denken konnten. Möglich, daß die Bevölkerung an ihm kaum oder gar keinen Anteil nahm, möglich, daß die säbelrasselnden ehemaligen Nazi-Volks-Offiziere, die auf die Einigkeitspauke schlugen, durch ihre Naivität und Dummheit selbst dem Ostpräsidenten Pieck nur ein resigniertes Lächeln abzwingen konnten – die Fanfarenklänge der FDJ klangen so überzeugt, wie nur je Fanfarenklänge in der alten Hitlerjugend geklungen haben. Und wenn es irgend jemand noch nicht begriffen haben sollte, was es zu bedeuten hatte, daß die Redner des Kongresses andauernd auf Korea anspielten (auch dort sei ja die „Einigung“ eines Landes durch die Amerikaner „verhindert“ worden) und daß Ministerpräsident Grotewohl schon in der Eröffnungsrede erklärte –: „ebenso wie in Korea wollen die amerikanischen Imperialisten auch in Westdeutschland eine Aggression gegen die Sowjetunion führen“ – die kommunistische Jugend hat es begriffen und wäre bereit, zusammen mit der Volkspolizei in die deutsche Bundesrepublik zu marschieren, wenn sie sicher wäre, daß Engländer, Amerikaner und Franzosen nicht schießen werden,

Der nationale Widerstand – den man nach einer Erklärung des Berliner Bürgermeisters Ebert besonders stark in Westberlin organisieren will – ist der offene Aufruf zum deutschen Bürgerkrieg