Von Ulrich Seelmann-Eggebert

Ende 1948 erschien in Paris der Briefwechsel zwischen André Gute und Francis Jammes, Ende 1949 der zwischen André Gide und Paul Claudel. Jammes zwar war schon 1938 gestorben, aber Gide und Paul Claude! sind beide noch am Leben. Gerade das erregte die Sensation: wohl zum erstenmal in der Geschichte der Literatur war es geschehen, daß zwei lebende Dichter, die sich seit mehr als zwei Jahrzehnten in erbitterter Abneigung gegenüberstehen, ihre zuerst freundschaftlichen, später aber von tiefer Feindschaft erfüllten Briefe – ergänzt durch noch offenere Tagebuchnotizen – der Öffentlichkeit übergeben. Die Herausgabe, durch ein sehr kluges und aufschlußreiches Vorwort ergänzt, hatte in Übereinstimmung mit den beiden Dichtern Robert Mallet übernommen. Im Gemeinschaftsverlag Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, und Hans-Dulk-Verlag, Hamburg, werden beide Briefwechsel-Bände jetzt auch deutschsprachig erscheinen: der zwischen Gide und Jammes noch im Herbst 1950, der zwischen Gide und Claudel einige Monate später, beide in der übrigens vorbildlich klaren und werkgerechten Eindeutschung von Yvonne Gräfin Kanitz.

In einem der ersten Briefe, die Francis Jammes an André Gide richtete, bekannte er am 9. Januar 1894: „Ach, wie sehr liebe ich Ihre Dichtung. Doch wie viel lieber wird sie mir noch werden, wenn Ihr Werk eines Tages jene nach Weihrauch und Spital riechenden Tücher abgestreift hat und im Gewand Ihres Geistes erscheint, erfüllt von der liebe zum sehr Seltsamen, aber gesund.“ Zwölf Jahre später, im Oktober 1906, schreibt dagegen Janwies an Gide: „Ich bitte Dich also, man Freund, laß zur Ruhe kommen und seiner selbst inne werden, was, ohne daß Du davon weißt, durch die Gnade Gottes Deiner Seele entströmt und emporsteigt und Dich unerbittlich für sich fordert. Wenn Du katholisch wärest, würde ich Dich die Meditation über den heiligen Rosenkranz lehren, der etwas Ungeheures ist, und jene sublime Deutung des geringfügigsten Ereignisses im täglichen Leben aus der Freude, dem Schmerz oder der Ehre Gottes, Du kennst die Kraft nicht, die darin liegt, und weißt nicht, aus welcher wunderbaren Schönheit diese Kraft geschöpft wird. Diese unendliche Entwicklung des Denkens, wie Himmelsflächen, die sich in immer größere Tiefen hinein auf tun und so den Schatten des Menschen oder der Pflanze bis hinauf zu Gott werfen, dieses absolute Wirklich werden des Wassers, des Brot“, des Weins diese Nutzung der Materie durch den Geist: hier kann das Geringste noch sein Heil und seinen ‚Felsen‘ finden.“

Zwischen diesen beiden Briefen, in den zwölf Jahren von 1894 bis 1906, liegt eine der innigsten und schönsten Dichter-Freundschaften, die die zeitgenössische Literatur kennt. Was später folgte, war eine konventionelle Verbindung, bei der keiner der beiden Partner dem anderen mehr etwas Wesentliches zu sagen hatte und die auf wenige, gelegentliche Briefe beschränkt blieb. Zwar hatte Gide damals, auf jenen zweiten zitierten Brief von Jammes hin, noch unter dem 13. November 1906 freundschaftlich-unverbindliche Antwortzeilen geschrieben: „Lieber Freund, glaube nicht, daß Verärgerung der Grund meines Schweigens sei. Dein Brief war gut und ich bin Dein Freund. André Gide.“ Aber zehn Tage später notiert Gide bissig und kurz in seinem Tagebuch: „Es fällt mir schwer, Jammes so flach zu schreiben. Aber was kann ich tun? Weihrauch ist das einzige, wofür er noch eine Nase hat.“

Jammes, der um ein Jahr ältere der beiden, war es gewesen, der sich als erster an den schon berühmteren, damals dreiundzwanzigjährigen Dichterkollegen gewandt hatte. Im Grunde blieb er, der die Stille und Beschaulichkeit über alles liebte und kaum einmal die Zurückgezogenheit seines im äußersten Pyrenäenwinkel gelegenen Heimatstädtchens Orthez verließ, von dem überlegen ironischen, kosmopolitischen, wendigen und allzeit sich wandelnden André Gide durch Welten getrennt – ebenso wie auch von dem ungestümen, von seinem Glauben leidenschaftlich besessenen Paul Claudel. Und während die Korrespondenz zwischen Gide und Claudel bald zu einem geistigen Duell wurde, in dem Claudel mit geradezu missionarischem Eifer um Gides verloren scheinende Seele rang und Gide zumindest ebenso heftig seine Unabhängigkeit verteidigte, wurde der schriftliche Gedankenaustausch von Gide und Jammes zu einer echten Geistesbruderschaft, die – wenigstens in den ersten zwölf Jahren – die Meinung des anderen tolerierte, die in schöner Gegenseitigkeit mit fördernder Kritik zu den neuentstandenen Werken Stellung nahm, und die vor allem in enger Verbundenheit das tief Persönliche miteinander teilte. Gerade dies Persönliche ist es, was den Briefwechsel Gide-Jammes als ein wirkliches document humain so interessant und menschlich berührend werden läßt.

Der einsame Jammes, der hier einen der wenigen und aufrichtigen Freunde seines Lebens gefunden hatte, ist dabei vielleicht der stärker gebende Teil. Das „Du“ zwar, vor dem Jammes in seiner Schüchternheit Hemmungen hatte, bietet Gide als erster an, aber während Gide – mit seinem klingend klaren, durchsichtig geistvollen Federzug – in zurückhaltender Nüchternheit bleibt, schließt Jammes sein Innerstes auf. Er schreibt gern „schöne“ Briefe, immer wieder bricht das Poetische seiner Natur durch, steigert sich zu freien, schwingenden Rhythmen, wird von einer farbigen, glühenden Bildhaftigkeit erfüllt und blüht mitunter zu reiner, heller Dichtung empor.

„Ja, lieber Freund, aus Dir erwächst eine neue Generation“, so schrieb Jammes in den ersten Jahren der Freundschaft an Gide. Immer war Jammes von Bewunderung erfüllt, fühlte sich den Freund unterlegen, und vielleicht hat gerade dieses Empfinden bei dem schwierigen, komplexbeladenen Charakter von Jammes mit zu ihrem späteren Auseinanderleben geführt. Drei Jahre lang hatten sie bereits Briefe gewechselt, ehe sie sich Ende März/Anfang April 1896 in Algerien das erstemal persönlich gegenüberstanden. Die Begegnung endete mit einem Mißklang: Gide war von dem fast hinterwäldlerischen, so launenhaften und unbeherrschten Wesen des Freundes enttäuscht, und auch Jammes fand nicht den Freund wieder, den er sich in der Weltverlorenheit von Orthez erträumte. Erst aus der Distanz finden sie von neuem den rechten Ton zueinander, doch als Jammes später mehrmals Gide von seinen wechselnden Verliebtheiten berichtet, als er Verständnis und Rat von ihm erhofft, und Gide entweder wortlos darüber hinweggeht oder nur unverbindliche Redensarten findet, dürfte die innere Entfremdung endgültig ihren Anfang genommen haben. Durch eine unglückliche Liebe in die Verzweiflung getrieben, sucht und findet Jammes seinen Trost in der Rückkehr zur Kirche. Daß Gide ihm hier nicht folgen will und nicht folgen kann, hat er nie überwunden.