Von Hugo Kükelhaus

Vor einigen Monaten stellte Wilhelm Wagenfeld, der erfahrene Gestalter industrieller Gebrauchsgüter, die Gründung eines ‚Deutschen Institutes für industrielle Formgebung‘ zur Diskussion. Er hat damit einen neuen Ansatzpunkt geschaffen, die Bemühungen um einen gesunden Stil unserer materiellen Sachwelt voranzutreiben. Leider sind diese Bemühungen nur in wenige Personen geknüpft. Und die Kunde von dem, was sie leisten, gelangt kaum an die Öffentlichkeit. Es bleibt durchweg bei kleinen Wellenschlägen in der Presse, die durch gelegentliche Ausstellungen veranlaßt werden. Die Verwirklichung des Angestrebten wird solange in einem ehrenvollen Mißverhältnis zu dem jahrzehntelangen Aufwand an Mühe stehen, bis eine durchgreifende Besserung des durchschnittlichen Publikumgeschmacks erreicht ist.

Die Chronik der Mühe um die Formung der sachlichen Gebrauchsgüter begann mit dem Wirken von Van de Velde, Avenarius, Peter Behrens (also ungefähr im Jahre 1905) und reicht in immer dünner werdendem Rinnsal über Friedrich Naumann, Tessenow, Gropius, zu Wagenfeld und Gretsch. Es wären noch eine Menge anderer Namen zu nennen, auch die von Vereinigungen wie etwa der Werkbund. Dann kamen die Kriege. Nach dem ersten Weltkrieg trat in dem Bereich, von dem hier die Rede ist, ein Horn ein. Heute herrscht ein arges Tief –: Das Land, das in dreißig Jahren dem Meere des Massenunsinns abgerungen war, ist wieder versunken. Probleme, die vor zwanzig Jahren gelöst waren, werden heute wie zum erstenmal diskutiert. Was die Bemühten von damals sich an den Schuhsohlen abgelaufen hatten, gilt heute als Offenbarung. Aber auch das nur in dem kleinen Kreis, der sich verantwortlich fühlt.

Der Stand des Ringens um den Gesichtsausdruck der Sachwelt, vom Löffel bis zur Straßenführung, vom Haus bis zur Landschaft, kennzeichnet sich an einem Zwischenfall jüngsten Datums: An den Bundesgebäuden in Bonn hat eine Avantgarde von Gestaltern gewirkt, und zwar in einem vorzüglichen Zusammenspiel von Ingenieuren, Herstellern, Handwerkern und freien Künstlern, unter dem Stab des Architekten Schwippert. Die kürzlich erfolgten Angriffe auf die verantwortliche Bauleitung liegen für den Kundigen, der das Vorgeschobene durchschaut, auf der gleichen Linie wie die Berührung mit der Masse, welche jene besagte Handvoll Männer zu leidenden Zeugen der Wahrheit machte.

Die Form der stofflichen Umwelt ist, rechnerisch gewertet, der Ausdruck eines Minimums von Aufwand an Kraft und Kosten. Sie kann gesund gedeihen ausschließlich in der Lebensluft echter Menschen, die den Sinn für die „Macht des Mindesten“ noch nicht verloren haben und wissen, daß im Reich des Stils allein die Dinge wirken. In der augenblicklichen Lage käme es darauf an, Industrie und Handwerk anzuregen und zu beraten, auf die Erziehungsstätten und die Käuferschichten, einzuwirken (es gab einmal als Rüstzeug dafür die Bildkartei der Deutschen Warenkunde, heute sind keine tausend Bezieher aufzutreiben). Von den Erziehungsstätten ist die wichtigste die Volksschule. Für die pädagogischen Akademien läge die Aufgabe vor, eine Lehrerschaft heranzubilden, die befähigt ist, eine Ding- und Umweltskunde als Unterrichtsfach zu lehren. Der Unterricht müßte sich auf alle Erscheinungen der geformten Welt beziehen, mit der die Menschen in Berührung kommen. Den Kindern die Augen zum Sehen zu öffnen, wäre die wirksamste Vorbeugung und Impfung gegen den industriellen Bazillenkrieg des Unsinns. Denn: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!“ Bei den Erwachsenen ist nicht mehr viel zu retten. Die Kinder der ersten Schuljahre sind der Keimboden. Der Zeichenunterricht, der sich in den letzten fünfzig Jahren (durch die Einwirkung von Kerschensteiner, Britsch und anderen) erneuerungsfähig erwiesen hat, könnte eine Ausgangsstellung bedeuten, und der Kindergarten, denn hier fällt die Erweckung und Geschmacksbildung auf fruchtbarsten Boden. Das haben bereits Fröbel und Pestalozzi gelehrt.

Dann müßten sich die Handwerker- und Fachschulen entschlacken vom Kunstgewerbe; sie bilden noch häufig – wie neuere Ausstellungen erweisen – statt Hausrat eleganten Unrat. Die Bemühungen von Walter Dexel, die Augen für die Pracht der menschlichen Form zu öffnen, scheinen nicht bis dorthin gedrungen zu sein. Was „Stil“ für den Export und das kaufmännische Ansehen in der Welt bedeuten, davon wissen die kleinen Länder – Schweiz, Dänemark, Schweden – ein Lied zu singen.

Das Häuflein der Gestaltenden ist klein. Kürzlich ist es noch um einen Aufrechten ärmer geworden. Im Juni starb Hermann Gretsch, Stuttgart, der Schöpfer des „Arzberg-Porzellans“, Gestalter vieler Gebrauchsgüter, vom Ofen, Besteck, bis zur Küche und zum Serienmöbel. Es bleibt zu wünschen, daß sein Wirken Nachfolge findet und daß die Wagenfeldschen Vorschläge einmal Wahrheit werden, damit der Glaube an die Macht des Mindesten sich in der einfachen Form des dienlichen Dinges verwirklicht.