Frankfurt a. M., im August

Den Menschen Johann Sebastian Bach und sein Werk einer breiten Öffentlichkeit nahezubringen und erlebbar zu machen, ist eine große und schwere Aufgabe. Günther Weisenborn griff sie auf und versuchte in seinem „Spiel vom Thomaskantor“ eine volkstümlich einfache und schlichte Lösung. Das Ergebnis führte er jetzt in der Paulskirche zu Frankfurt unter eigener Regie vor – und zwar zunächst, um das Stück zu erproben, vor Frankfurter Schulkindern aller Klassen.

Der Eindruck ist zwiespältig. Ja, in der Endbeurteilung erscheint das Unternehmen sogar fragwürdig. Weisenborn schreibt im Programmheft: „Diese Arbeit ist geplant als eine neue Form der Feier, die leicht an die Stelle der gewohnten Festschablone (Begrüßungs- und Festrede, umrahmt von Musik) gesetzt werden, kann und das Interesse eines bachfremden Publikums mehr anziehen mag als die übliche Methode. Es handelt sich also um eine Art aufgeführter Festrede,“ Um diese Absicht zu verwirklichen, stützt sich Weisenborn auf die dramaturgischen Grundsätze von Bert Brechts „epischem Theater“. Er will kein Theater im üblichen Sinne bieten, sondern lediglich Andeutung und „Darstellung“. Wie Weisenborn sagt: der Darsteller „spricht aus, beschreibt sich“. Daraus ergibt sich auch organisch die Verwendung von Laiendarstellern (vornehmlich Kindern) neben Berufsschauspielern. In der Tat könnte diese Form des „Saalspiels“ den üblichen Festschablonenstil durchbrechen und zu einem einfachen, schlichten Kunsterlebnis hinführen. Aber Weisenborn gelang es nicht, das Wesen Bachs für die Vorstellungskraft des einfachen Menschen zu verwirklichen. Er gab lediglich einen mit Bachscher Musik stimmungsvoll durchsetzten biographischen Umriß der Gestalt des großen Thomaskantors. Wir erfahren von der Armut des Meisters, von seinem Kinderreichtum, von seiner Frau Anna Magdalena, von der Passivität seiner Zeitgenossen (wobei Friedrich der Große einen sehr unverdienten Seitenhieb abbekommt) und anderes Erfreuliche und Unerfreuliche mehr – aber der musikalische Genius Bachs bleibt stumm. Denn nicht Leid und Verdruß, häusliches Glück und Widerstände der Zeit machen dies Leben groß – sondern vor allem doch die künstlerische Mächtigkeit, in Tönen Gott und seine kosmische Größe dem menschlichen Herzen erlebbar zu machen. In Weisenborns „Darstellung“ ist von Bachs tiefer Gläubigkeit und seinem schöpferischen Welterlebnis kaum die Rede. Worte wie „er baute einen Dom von Noten bis in den Himmel“ und „Bach lebt“ am Schluß des Spieles wirken nur rhetorisch. Mühselige Lebenswege haben auch andere Menschen; soll dies Schicksal packen, dann muß man begreifen lassen, was Bach vor allen anderen Menschen auszeichnete. Dieses Grunderlebnis vermittelte Weisenborn, trotz der trefflichen, auf knappe Andeutung beschränkten Inszenierung und der innigen Leistung der Gesina Holtz als Anna Magdalena nicht.

Die neue Form des „Saalspiels“ war wohl keine Schablone, aber das vordergründige Bachbild, das Weisenborn entwarf, um so mehr.

Heinz Friedrich