In Stuttgart fand in der vergangenen Woche der Vierte Liberale Weltkongreß statt. Unter den 200 Vertretern aus verschiedenen europäischen Staaten befanden sich viele hervorragende Männer, wie der spanische Liberale de Madariaga, die Engländer Lord Layton und Sir Andrew McFadyean, der Franzose Bonnefou, der Belgier Motz; unter den deutschen Mitgliedern waren Hermann Dietrich, Vizekanzler Blücher, Ministerpräsident Reinhold Maier. Der Kongreß war auf die praktischen politischen Ziele gerichtet: auf den Kampf gegen die kommunistische Diktatur, auf die Förderung des Schumann-Planes und des europäischen Zusammenschlusses, auf die Beseitigung der künstlichen Schranken im Verkehr zwischen den Ländern, auf Wiederherstellung der deutschen Souveränität.

Der Stuttgarter Kongreß sollte aber auch über den geistigen und geschichtlichen Standort Klarheit schaffen, auf dem sich der Liberalismus heute befindet. In Stuttgart wurde von einer „Renaissance“ des Liberalismus gesprochen, und tatsächlich scheinen manche Wahlergebnisse, wie in Westdeutschland, Anhaltspunkte dafür zu geben. Doch dürften sich die liberalen Parteien wohl täuschen, wenn sie daraus zu weitgehende Folgerungen ziehen. In Wirklichkeit hat sich der Liberalismus, der die politische Form ist, in der die bürgerliche Revolution sich verwirklichte, im Laufe eines Jahrhunderts zu Tode gesiegt. Er hat nicht nur sein Programm in der Gesetzgebung durchgesetzt, so daß wir ihm den modernen Rechtsstaat – wo er noch besteht – und den ungeheuren Wirtschaftsaufschwung des liberalen Jahrhunderts verdanken; er hat sich zugleich in einem solchen Maße auch geistig durchgesetzt, daß seine Gegner genötigt waren, die hauptsächlichen politischen Grundsätze des Liberalismus zu übernehmen. Das haben nicht nur die Konservativen getan, die heute fast überall, von Unwesentlichkeiten abgesehen, durchaus die Ziele des Liberalismus verfolgen, sondern auch die Sozialdemokraten, ja in einem gewissen Maße sogar die Kommunisten. Sprechen sie nicht alle von Parlament und Demokratie, haben sie nicht alle „die Freiheit“ zu ihrem Programm gemacht? Jedoch war es schließlich gerade diese allgemeine Übernahme der liberalen Hauptforderungen, die den Liberalismus als politische Kraft aushöhlte. Jetzt braucht man, um für Freiheit und parlamentarische Demokratie sich einzusetzen, nicht mehr Liberaler zu sein – das machen die anderen ja ebenso. Andere Probleme erlangten gegenüber der liberalen Freiheit ein größeres Gewicht, vor allem die großen sozialen Fragen, die sich aus dem Wirtschaftsaufschwung und der Bevölkerungsvermehrung des liberalen Zeitalters ergaben. Und in diesem Prozeß verfielen schließlich auch die liberalen Hauptforderungen, die, weil von jedermann im Lippenbekenntnis anerkannt und millionenfach wiederholt, leere und schließlich mißachtete Schlagwörter wurden.

Es mag eine Reaktion auf diesen geschichtlichen Vorgang sein, wenn es heute hier und dort so aussieht, als ob eine Renaissance des Liberalismus im Gange wäre. Da indes andere Forderungen im Denken der Menschen wichtiger geworden sind, kann der Liberalismus mit seinen alten Kampfrufen nicht mehr zu einer Massenbewegung werden. Trotzdem ist ihm als einer geistigen Bewegung eine große Aufgabe gestellt. Sie besteht darin, die Grenze zu sichern, innerhalb derer sich die Auseinandersetzung um die großen sozialen Fragen allein abspielen darf, die Grenze der Rechtsstaatlichkeit. H. A.