Das neue Buch des bekannten Militärschriftstellers Liddell Hart heißt: „Verteidigung des Westens“. Eine pragmatische Untersuchung der jüngsten Vergangenheit mit dem Blick auf mögliche Zukunftsaussichten. Das Buch schont nichts und niemanden, auch nicht die eigenen früheren Irrtümer des Verfassers, trotzdem trägt es nicht den Stempel des Besserwissens; es zeigt den rückhaltslosen Willen zur Ehrlichkeit und geschichtlichen Wahrheit, vor allem dort, wo der Verfasser die alliierte Forderung nach „bedingungsloser Kapitulation“ als das kennzeichnet, was sie war: „der unsinnigste Fehlentschluß des Krieges“ auf alliierter Seite. „Diese Roosevelt-Churchill-Politik hat den einzigen feuersicheren Vorhang für Europa beseitigt.“

Man wird den Teil des Buches mit wenigen Worten abtun können, der sich mit den militärischen Operationen des zweiten Weltkrieges – Westen, Osten, Afrika – befaßt. Man wird dies um so leichter tun, als die Zuverlässigkeit und geschichtliche Qualität der zahlreich und im Streben nach Objektivität angeführten deutschen Zeugen sehr verschieden zu bewerten ist. Manche sind zum mindesten als „befangen“ abzulehnen. Wesentlich sind vor allem die Gedanken Liddell Harts über die Zukunft. Seine Betrachtung zeigt, daß der Verfasser sich aus den Fußangeln konventionellen militärischen Denkens freizuhalten versteht und daß er sich von den Erfahrungen des zweiten Weltkrieges geistig vollkommen abgesetzt hat: „Die höhere Form der Zivilisation hängt in ihrer Möglichkeit, zu überleben, nicht von physischer Härte, sondern von der Schmiegsamkeit des Denkens ab, neue Verteidigungsmittel auszusinnen. Geistige Anpassungsfähigkeit ist wichtiger als physische.“

Liddell Hart weist darauf hin, daß England kein Interesse daran haben kann, in einem Atombomben- und Raketenkrieg zwischen der USA und der UdSSR die Rolle eines Amerika vorgestaffelten Stoßdämpfers zu übernehmen. Es wird in überzeugender Form nachgewiesen, daß das Mutterland und Westeuropa nur ein einziges Interesse haben können: „Verhütung eines Krieges und Sicherheit“. Dabei ist es interessant zu sehen, wie der Sicherheitskomplex, der bisher als die Domäne der Franzosen angesehen wurde, nun im Zeitalter veränderter Kampfmittel auch auf die bislang durch die See geschützten Mächte überzugreifen beginnt.

Die größte Gefahr für einen Zusammenstoß zwischen der UdSSR und der USA sieht Liddell Hart (das Buch ist lange vor dem Ausbruch des Koreakrieges geschrieben) im pazifischen Raum voraus; die schwersten Folgen hingegen würden nach seiner Meinung aus einem Krieg in Europa erwachsen. Die Verwundbarkeit dieses dicht besiedelten, von vielen Kulturschichten überlagerten Raumes im Gegensatz zu den weniger empfindlichen Flächen der beiden streitenden Giganten ist scharf betont. Liddell Hart denkt, wie es der globale Krieg erfordert, in Kontinenten und in den Kategorien der Wehrmacht von 1950 einschließlich ihrer möglichen Atom- und Raketenwaffen. Er zieht seine Schlüsse mit Intuition und er tut dies gewissermaßen mit doppelter Sachlichkeit, in seiner Eigenschaft als verantwortungsbewußter Weltbürger und als Engländer.

Seine Schilderung der Roten Armee, über die er dem deutschen Soldaten mit Recht das treffsicherste, weil erfahrenste Urteil zubilligt, ist schlagend. „Die Rote Armee ist zwei in einst eine Qualitätsarmee im Rahmen einer Massenarmee“. Die Psychologie des russischen Soldaten dagegen ist nicht der beste Teil der Gesamtdarstellung.

Liddell Hart bekämpft erbittert – mindestens für sein Vaterland – die allgemeine Dienstpflicht und fordert statt dessen eine kleine erstklassig ausgebildete Qualitätsarmee, vor allem Panzer- und Luftlandedivisionen. Er glaubt, man werde eine durch Jahre dauernde Ausbildungszeit benötigen. Aber dazu kann man wohl nur sagen, daß die Dienstzeit wahrscheinlich für alle Länder individuell verschieden ist, weil sie sowohl von der wirtschaftlichen und finanziellen Lage des betreffenden Staates abhängt, als auch durch innenpolitische Rücksichten und durch völlig verschiedene „Wehrgeographie“ und die mutmaßlich verfügbare Mobilmachungszeit in Erwartung eines „Blitzkrieges“ bestimmt wird. Liddell Hart hat aber sicher recht, wenn er feststellt, das fünf Divisionen, die sofort bereit sind für den Schutz Westeuropas einschließlich Englands, soviel wert sind wie 50 Divisionen, die aus Reservisten aufgestellt werden und nicht gleich verfügbar sind. Natürlich gilt die Bedeutung der Sofortbereitschaft ganz besonders auch für die Luftwaffe.

Ein sehr lesenwertes Kapitel befaßt sich mit der großzügig gedachten und in Umrissen angedeuteten Verlegung der westeuropäischen Verteidigung auf den afrikanischen Kontinent als strategisches Hinterland. Es befaßt sich nicht nur mit den politischen Voraussetzungen, deren wichtigste die enge Zusammenarbeit der dort beteiligten Kolonialmächte – England, Frankreich, Belgien, Portugal – ist. Angesichts dieses Bildes versteht man die Tendenz der vorausschauenden Propagandaangriffe des Politbüros auf Afrika und den Vorderen Orient. Selten ist die Alternative: „Europa einige dich oder stirb“ einleuchtender begründet worden.