London, im August

Nur 17 Prozent englischer Jungen können heute das Vaterunser aufsagen. Vierzehnjährige gehen durchschnittlich mindestens zweimal in der Woche in das Kino und beziehen zwischen fünf und zwanzig Schilling Taschengeld. 80 Prozent aller Jugendlichen verlassen spätestens neun Monate nach ihrem Beitritt wieder den Jugendklub ihrer Wahl.“ Dies sind Tatsachen aus dem Bericht, den britische Soziologen, Pädagogen und Statistiker gerade in Birmingham veröffentlicht haben. Sie zeigen, daß die das Familienleben zersetzenden Einflüsse des Krieges noch nicht überwunden sind und daß die englische Jugend ihre Freizeit weniger denn je zu Hause, im eigenen Garten oder mit den Eltern gemeinsam verbringt. Sie weisen vor allem darauf hin, daß der bisherige Erfolg der britischen Schulreform unbedeutend gewesen ist, weil es an guten Fachkräften mangelt. Die Zahl der freiwilligen Jugendgruppenleiter verringert sich von Jahr zu Jahr, während die Bezahlung der hauptamtlichen Jugendpfleger so schlecht ist, daß nur wenige erstklassige Männer aus Idealismus diesen Beruf ergreifen. Die Studenten mit den besten Examen gehen in die Industrie oder ergreifen die Beamtenlaufbahn. Nur diejenigen, die nichts anderes finden, lassen sich als Lehrer ausbilden. Nicht umsonst klagen die englischen Studienräte laut und bitter über ihre kläglichen Gehälter.

Zu einer Zeit, in der uns in Europa so schwerwiegende politische Probleme beschäftigen, scheint es vielleicht unwichtig, daß Studienräte kein Geld haben, um ihren Kindern Klavierstunden geben zu lassen, daß Französischlehrer nicht mehr in das Ausland fahren können, um ihre Kenntnisse aufzufrischen, während Volksschullehrer keinen Penny übrig haben, um sich ab und zu ein neues Buch zu kaufen. Und dennoch beginnt sich schon heute zu zeigen, daß die Verarmung gerade jener kulturell wichtigen Mittelschicht der englischen Beamten und Lehrer einen krassen Materialismus fördert, der einen großen, wenn auch indirekten politischen Einfluß hat und selbst idealistisch gesinnten Sozialisten Sorgen macht.

Durch die sehr fühlbare Unzufriedenheit der Lehrer wird die ganze großzügige englische Schulreform gefährdet. Der britische Staat hat in diesem Jahr 2400 Millionen DM für Erziehung ausgegeben, und obgleich dies eine Erhöhung des Etats von 240 Millionen gegenüber den Jahren 1947/48 darstellt, wurden den Lehrern kürzlich wieder jegliche Lohnerhöhungen verweigert, indessen die Arbeiter ihre Forderungen rigoros durchdrücken konnten. So ist es nicht weiter verwunderlich, daß ein englischer Studienrat mit zehnjähriger Lehrtätigkeit heute weniger verdient, als ein frischgebackener Polizeifeldwebel. Wie man daher kürzlich in der Times lesen konnte, bewarb sich der Latein-Lehrer eines berühmten Londoner Gymnasiums um die Portierstelle im Schulgebäude, weil sie besser bezahlt war als sein Studienratsposten. Lehrer sind nicht nur Idealisten, sondern auch Familienväter. Schulen haben eine Seele, wenn sie etwas taugen, und diese Seele ist hauptsächlich von der Arbeit des Lehrers abhängig und nicht nur davon, daß man seit dem Beginn der so vielversprechenden, englischen Schulreform 1944 neue Speisesäle für die Schulspeisungen gebaut hat.

Wie die Arbeit der Lehrer ernstlich unter den finanziellen Sorgen leidet, die sie bedrücken, werden die erzieherischen Aufgaben des Direktors durch die neue strenge staatliche Kontrolle beeinträchtigt. Die Verstaatlichung der zahlreichen, früher unabhängigen Oberschulen, der Grammar Schools, hat diese praktisch ihrer Direktoren beraubt, denn der Papierkrieg, der nun eingesetzt hat, läßt den Leiter einer solchen Schule zu einem reinen Verwaltungsbeamten werden, der keine Minute Zeit hat, sich um das Seelenheil seiner Jungen und Mädchen zu kümmern. „Man hätte diesen alten Schulen ihre Unabhängigkeit lassen und dafür mehr Arbeiterkindern das Schulgeld und die Bücher bezahlen sollen.“ Das ist die Meinung vieler englischer •Lehrer heute. Vor allem aber kritisieren sie die Hast, mit welcher die Schulreform durchgeführt worden ist. Denn während die englischen Volksschulklassen in vielen Städten immer noch mit je fünfzig Kindern belegt sind und ein katastrophaler Mangel an Klassenzimmern herrscht, hat man das Schulpflichtalter auf fünfzehn erhöht, so daß praktisch jedes englische Kind eine Mittelschulbildung genießen müßte. Leider ist das nicht der Fall, denn es gibt weder genug Fachlehrer, noch genug Schulgebäude, um dieses Programm in absehbarer Zeit mit richtigem Erfolg durchführen zu können. „Eine gute Volksschule kann erzieherisch wertvoller sein als eine schlechte Mittelschule“, schrieb eine Mutter kürzlich an den Herausgeber einer Londoner Zeitung.

Viele der Probleme, die in den einzelnen deutschen Ländern durch die Schulreformen hervorgerufen worden sind und die Elternschaft beschäftigen, sind auch in England akut. Hierzu gehört vor allen Dingen die geographisch ungleichmäßige Verteilung der Oberschulen. In einer nordenglischen Stadt hatten von tausend Jungen, die sich dieses Jahr um Aufnahme in das Gymnasium bewarben, nur hundert die Möglichkeit, die Prüfung mit Erfolg zu bestehen, aus dem einfachen Grund, weil nur für hundert neue Schüler Platz war. In der Nachbarstadt gab es jedoch zwei Oberschulen und nur 550 Bewerber, von denen 140 aufgenommen werden konnten. „Sag mir, wo du wohnst und ich sage dir, wie klug dein Kind sein wird!“ kommentierte ein englisches Provinzblatt.

Glücklicherweise ist aber England auch heute noch das Land des vernünftigen Kompromisses. So hat man 9800 privaten Schulen ihre Unabhängigkeit gelassen. Dort können kühne und auch kostspielige pädagogische Experimente, manchmal sogar mit staatlicher Unterstützung, ausprobiert werden. Die Jahreskonferenz der britischen Lehrer hat nun der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß diese großzügige Handhabung auch zur Lösung aller Probleme der so hoffnungsreich begonnenen Schulreform führen wird. Eric Orton