Von W. Fredericia

Auf Anordnung der italienischen Regierung wurden kürzlich die Statuen des römischen Stadions mit Hilfe von steinernen Feigenblättern moralisiert. Etwa zur selben Zeit schrieb der Wiener Erzbischof Kardinal Innitzer an den Bildhauer Prof. Cremer: „Wiederholt erhalte ich Protestbriefe wegen Ihres Denkmals der Hitler-Opfer auf dem Zentralfriedhof. Von Frauen, die sich an der nackten, robusten Mannesfigur stoßen und mich auffordern, dagegen etwas zu unternehmen. Ich möchte Sie bitten, eine Lösung zu finden, etwa durch ein Feigenblatt oder eine Schleife, um die Sache zu bereinigen. Ich fürchte, die Frauen schlagen Lärm in der Öffentlichkeit.“ Was hier geschieht, nachdem sich der Bildhauer zu einer Kostümierung seines Denkmals nicht bereit erklärt hat, steht noch dahin. Dagegen wurden in Eßlingen zwei nackte Mädchenstatuen An amtlichem Auftrag abgebaut und in einen Schuppen gestellt, die bisher den Eingang des dortigen Kinderkrankenhauses geziert hatten. „Nackte Frauen“, hatte die Leiterin der Anstalt erklärt, „sind kein Symbol für ein Kinderkrankenhaus.“

Das sind nur einige Beispiele aus dem ausgedehnten Kampf gegen die Nacktheit, der zur Zeit in einer ganzen Reihe von Ländern auflebt. Besonders aktiv ist Italien, wo die Regierung so weit geht, Polizisten in Badeanzüge zu stecken, damit sie in stunden- und tagelangen Beobachtungen feststellen, ob irgendwo Sünder sind, die nackt baden.

Im Grunde ist die Auseinandersetzung über die Frage, wer oder was nackt in der Öffentlichkeit auftreten darf, sehr alt und in allen Argumenten für und wider längst abgehandelt. Woher der Protest gegen die Nacktheit in der Kunst eigentlich kommt, ist nicht so leicht festzustellen. Wenn er konkret wird, dann wird er zumeist mit der Behauptung vorgebracht (wie auch im Falle der Frauen vom Wiener Zentralfriedhof), daß man „Anstoß genommen“ habe. Aber was heißt das eigentlich: „Anstoß nehmen“? Das heißt, man habe hingeschaut und sei unangenehm berührt gewesen. Diesem Übel ist unglaublich leicht abzuhelfen – man braucht ja nicht hinzuschauen. Infolgedessen kommt hinter dem ersten, nicht recht gültigen, das zweite Argument. Es besagt, daß die Jugend in ihrer Moral durch den Anblick der Nacktheit gefährdet sei. Das ist ernster, aber immerhin auch strittig, denn es ist nichts darüber bekannt geworden, daß etwa die Jugend des antiken Athen oder des antiken Rom, denen gewissermaßen an jeder Ecke ein nacktes Standbild begegnete, dadurch irgendwie verdorben worden wäre. Noch interessanter aber ist es, daß auch die strengsten Säuberungsapostel, sieht man von den einzigartigen Vorkehrungen im Vatikan selbst ab, es weit von sich weisen würden, mutete man ihnen zu, auch die großen Werke der antiken oder mittelalterlichen Kunst aus Gründen der Sittlichkeit abzulehnen. Daraus sieht man schon, daß der Protest sich nicht eigentlich gegen die Darstellung und Schaustellung der Nacktheit selbst, sondern nur gegen die zeitgenössische Darstellung wendet (keineswegs, weil sie modern dem Stile nach, sondern einfach weil sie jetzt ist und weil der Urheber womöglich noch unter uns herumläuft). Daraus ließe sich schließen, daß die instinktive bilderstürmerische Regung, die sich hier ausdrückt, im Unterbewußtsein als Basis den Ärger darüber hat, daß einer, indem er eben auf jedes Feigenblatt verzichtet, das Interesse an seinem Kunstwerk durch einen Trick fördern, ja vielleicht überhaupt erst hervorrufen will – diesen Vorwurf, einem Künstler zu machen, der vor 2500 oder auch vor 500 Jahren gelebt hat, wäre, weil ohne jede Aktualität, gänzlich sinnlos. Auch Professor Cramer kann ganz unbesorgt sein: Die katholischen Wienerinnen des Jahres 3000 werden gewiß keinen Anstoß mehr an seinem Denkmal nehmen, nur ist zu befürchten, daß es die Zeit bis dahin vielleicht nicht überdauern wird.

Es bliebe noch zu überlegen, warum gerade jetzt so eine Welle des Unmuts über die Nacktheit in der Öffentlichkeit zu bemerken ist. Wahrscheinlich geht sie parallel mit der gleichzeitig hochangestiegenen Flut der mehr oder weniger nackten Mädchenbilder, die auf den Titelseiten vieler Illustrierten und Magazine feilgeboten werden. Hier ist die Nacktheit in den dialektischen Prozeß geraten. Je mehr von ihr gezeigt wird, desto mehr wächst der Protest gegen sie – so wie in Zeitaltern des stärksten Zwanges zur „Sittlichkeit“ sich im geheimen ein widerlicher Orgasmus breitmachte.