Von Rudolf Bockelmann

Der deutsche Sänger Rudolf Bockelmann, der insbesondere als Wagner-Interpret nach wie vor stimmlich und musikalisch höchste Künstlerschaft beweist, folgte kürzlich einer Einladung, in Vichy zu gastieren.

Ein grauer Himmel hängt über der weiten oberrheinischen Ebene, als wir am kühlen Morgen, von Karlsruhe kommend, die berühmte Rheinbrücke bei Kehl passieren und in Straßburg einfahren. Über den Dächern der „wunderschönen Stadt“ grüßt uns die Silhouette des alten Münsters, dessen Schönheit so viele beredte Zungen gepriesen haben. Dürfen wir hoffen, daß hier einmal die Hauptstadt eines Vereinigten Europa entsteht? Würde für beide Völker die Beilegung uralten Streites auf diese Weise nicht ihren besten Ausdruck finden? Ein schöner, tröstlicher Gedanke – doch, wir reisen ja nicht als Politiker, nicht als Verhandlungspartner, sondern folgen als Künstler einer Einladung der Gesellschaft des Grand Casino de Vichy, um auf unsere Art, gewissermaßen in der Diplomatensprache der Musik, zusammen mit französischen Kollegen ein wenig beizutragen zu neuer gemeinsamer Kulturarbeit. Gottlob hat die Geschichte der letzten zehn Jahre der Begeisterung der Franzosen für Richard Wagner keinen Abbruch tun können.

Der Schnellzug, dessen Route von Straßburg südlich nach Lyon–Marseille–Ventimiglia führt, bringt uns auf rascher Fahrt durch das schöne Elsaß und das laubwaldgekrönte vielfach gewundene Tal des Doubs bis Besançon, wo uns der moderne Autorail Rapide – unseren Schnelltriebwagen vergleichbar – schon erwartet. Man erkennt uns leicht als Deutsche, und lachend bemüht sich der hilfsbereite Gepäckträger, der als ouvrier déporté im Ruhrgebiet gearbeitet hat, seine deutschen Sprachkenntnisse an den Mann zu bringen. In sternenklarer Dunkelheit sind wir pünktlich am Ziel: in Vichy.

Es erfordert konzentrierte Planung und Arbeit, in wenigen Tagen ein umfangreiches Konzertprogramm – mit Werken von Richard Strauß und Richard Wagner – undeine „Tristan“–Aufführung vorzubereiten, nicht nur für den deutschen Kapellmeister, dem ein fremdes, wenn auch erstklassiges Orchester zur Verfügung steht, sondern auch für uns Sänger, die zu jeder Tageszeit zu proben bereit sein müssen. So fehlt uns zwar die Zeit, die reizvolle Umgebung, die vulkanische Landschaft der Auvergne oder die alten Kirchen in Clermont-Ferrand und St. Nectaire aufzusuchen, aber das Leben in dem weltberühmten Badeort bietet uns genug Sehenswertes undAmüsantes. Franzosen aller Schichten sind hier versammelt. Sie können (bei der ausgezeichneten französischen Küche) unmöglich alle galle- oder leberkrank sein, und diejenigen, die ihr Brunnenglas in einem geschmackvollen Strohfutteral umgehängt tragen, sind offensichtlich in der Minderzahl. Das solide Bürgertum aller Berufe bis hinunter zum sparsamen Kleinbürger scheint stärker vertreten als die „elegante Welt“, die sich in den Räumen unseres feudalen Hotels in den Stunden der Mahlzeiten ein Stelldichein gibt.

Ausländer scheinen wenig nach Vichy zur Kur zu kommen. Nur selten hört man amerikanische Laute. Wohl aber fallen einzelne farbige Kolonialfranzosen auf, zum Teil in ihrem afrikanischen Burnus. Beim nachmittäglichen Tee im Garten hören wir nicht nur Schlager- und Opernmelodien, sondern von einer Solistin sogar Aidas „Nilarie“ und Schuberts „Ich hört’ ein Bächlein rauschen“ mit französischem Text. Das dichteste Gewoge herrscht abends auf der rue Clemenceau, dem Vergnügungszentrum, dessen Cafés bis auf die Straße hinaus voll besetzt sind. Auch abends ist es noch schwül, und Eisgetränke und echtes Pilsner Urquell werden stark konsumiert.

Unsere beiden: künstlerischen Veranstaltungen verlaufen nach Wunsch. Der Besuch ist sehr gut, wenn wir auch mit der Popularität Maurice Chevaliers, der kurz vor uns einen Abend gab, nicht konkurrieren können. Der 1000 bis 1200 Personen fassende pompöse Theatersaal ist nur ein Teil des geräumigen „Casino“, daß außerdem natürlich Spiel- und Ballsäle, Restaurant und Bar enthält. Das Publikum applaudiert rauschend und ausdauernd, und das will etwas heißen. Denn, ehrlich gesagt, sechs Stunden „Tristan“ in sommerlicher Hitze sind keine Kleinigkeit, auch wenn die Aufführung durch eine Dinerpause nach dem ersten Akt eineinhalb Stunden unterbrochen wird! In der kleinen „Brasserie“ neben dem Theater trifft sich nach der Vorstellung das Künstlervolk mit dem Publikum, die Wände hängen voller Künstlerbilder, mein französischer Baritonkollege prostet mir zu, schöne Frauen mit entzückenden Köpfen und elegantem Dekolleté lassen sich Autogramme geben. Es ist hier nicht anders als überall auf der Welt, wo begeisterte Zuhörer mit Künstlern zusammentreffen!

Es ist dennoch nicht ganz leicht, mit Franzosen „ins Gespräch zu kommen“, sie sind verständlicherweise zurückhaltend. Die jüngste Geschichte der Stadt Vichy wird taktvollerweise nicht berührt. Diefranzösischen Gesprächspartner – Orchestermusiker, Kritiker – scheinen uns beizustimmen, daß unsere beiden Völker in Zukunft nun endlich zusammengehen müssen. Nun, die Zukunft muß lehren, ob der Traum einer Völkergemeinschaft des Westens Wirklichkeit werden kann. Doch nehmen wir aus diesen wenigen Tagen, die wir im Herzen Frankreichs verlebten, das schöne Gefühl mit, nirgends Äußerungen von ressentiments begegnet zu sein, wohl aber überall bei französischen Menschen nicht nur die angeborene (äußerliche) politesse, sondern freundlichstes Entgegenkommen gefunden zu haben.