Daß in Westdeutschland viele Menschen in einem ständigen Zustand der Angst leben, wird niemand leugnen wollen, der offenen Sinnes aufnimmt, was er täglich in seiner Umgebung hört oder sieht. Es ist nicht mehr ein Gefühl der Furcht, das die Menschen beherrscht, der Furcht vor einem bestimmten Ereignis, das aus ganz bestimmten Gründen eintreten muß, sondern einer ganz allgemeinen panischen Angst, zu deren Erklärung der einzelne, wenn er gefragt wird, erst nach Gründen suchen muß. Die Menschen schrecken nachts aus dem Schlaf auf, Angst sitzt in ihnen, die sie nicht zur Ruhe kommen läßt. Krieg ist das Wort, das sie um ihre Sinne bringt. Jeder führt es im Munde, und es gibt kein Kriegsgerücht, es sei auch noch so unsinnig, das nicht geglaubt und verbreitet wird. Kein Zweifel, dieser Zustand entwickelt sich zu einer Massenneurose, und so mußte denn auch der amerikanische Hohe Kommissar John J. McCloy in seinem Viertelsjahresbericht sorgenvoll verzeichnen, daß der Wiederaufbau Westdeutschlands durch die pessimistische Auffassung, ein dritter Weltkrieg sei unvermeidbar, verzögert und behindert wird. Doch nicht nur die Entwicklung, auch der Bestand unseres jungen Staates wird durch diese Angst bedroht, die, aus Verzweiflung geboren, Feigheit erzeugt. Daher dürfen wir sie nicht mit einem Achselzucken übergehen, und wenn sie sich auch noch so töricht offenbart, wir müssen sie sehr ernst nehmen und uns mit ihr auseinandersetzen.

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges glaubten sehr viele Deutsche, daß nunmehr wirklich mit der Gründung der Vereinten Nationen der Friede auf der Welt einziehen werde. Niemand hätte es damals für möglich gehalten, daß innerhalb der nächsten Jahre vier neue Kriege – Bürgerkriege! – ausbrechen würden, in Griechenland, Palästina, China und Korea. Und erst recht unmöglich wäre es den meisten damals erschienen, daß man in knappen fünf Jahren schon wieder überall in der Welt von einem neuen und noch schrecklicheren Weltkrieg sprechen würde. Als es dann klar wurde, daß der Riß in der ehemaligen Koalition unheilbar ist, daß sich der Westen und der Sowjetblock als Todfeinde gegenüberstehen, fühlte man sich in Westdeutschland, geschützt durch die große Weltmacht der Vereinigten Staaten, immer noch sicher, wenn man auch mit Besorgnis zusah, mit welch leichtsinnigem Vertrauen die westlichen Mächte ihre Rüstungen vernachlässigten. Nun hat der Krieg in Korea mit einem Schlage gezeigt, wie schwach die militärische Macht des Westens in Wirklichkeit ist. Die Vereinigten Staaten verfügen zwar gemeinsam mit den westeuropäischen Nationen über ein viel größeres Rüstungspotential als Sowjetrußland und seine Satelliten, diese aber sind im Augenblick unvergleichlich viel stärker gerüstet.

Jetzt endlich erkannte man in Washington, wie gefährlich die überlegene Militärmacht des sowjetischen Gegners für die westliche Welt ist. Voll verbissener Entschlossenheit tat man den entscheidenden Schritt zur Aufrüstung mit jener – Großzügigkeit, die das vorhandene Industriepotential der Amerikaner nun einmal erlaubt: 50 Milliarden Dollar, so hat Kriegsminister Johnson erklärt, sollen allein im nächsten Jahr für die Bewaffnung der Vereinigten Staaten und der Atlantikpakt-Mächte ausgegeben werden. Es ist kein Zweifel, daß, was für Anstrengungen die Sowjets auch machen mögen, ein solcher Aufwand innerhalb weniger Jahre zu einer Rüstungsüberlegenheit des Westens führen muß. Doch gerade dies, was eigentlich beruhigend wirken müßte, hat in Westdeutschland zu dem Zustand allgemeiner Unruhe geführt, aus dem sich jene panische Angst entwickelt hat, von der so viele unter uns befallen sind. Denn, so argumentiert man, ist dies nicht eine geradezu unwiderstehliche Versuchung für die Sowjets, solange ihr Rüstungsvorsprung noch besteht, sich seiner zu bedienen, um ihren Herrschaftsbereich auszudehnen? Und, angenommen, daß Moskau wirklich einen Präventivkrieg führen will, an welcher Stelle würde er dann wohl am wahrscheinlichsten ausbrechen? Ist Deutschland da nicht besonders gefährdet?

Nun, es gibt fünf an den Sowjetblock grenzende Länder, die bisher fühlbar von ihm unter Druck gesetzt worden sind: Persien, die Türkei, Griechenland, Jugoslawien und Deutschland. Mit Ausnahme Jugoslawiens sind sie alle im Besitz einer mehr oder minder formellen Garantie seitens der Vereinigten Staaten, die besagt, daß ein Angriff auf ihr Gebiet Krieg mit Amerika bedeuten würde. Was insbesondere Deutschland angeht, so stehen in Berlin und in der Bundesrepublik amerikanische, englische und französische Truppen. Jeder Angriff sowjetrussischer Armeen würde hier sofort einen dritten Weltkrieg einleiten. Und was wäre damit für Moskau gewonnen?

Gewiß, solange der Westen noch nicht wieder aufgerüstet ist, könnten die sowjetischen Armeen Westeuropa überrollen. Aber mangels einer überlegenen Flotte würden sie das Abenteuer nicht unternehmen, England zu erobern, und ebensowenig könnten sie das amerikanische Rüstungspotential zerstören, von der amerikanischen Überlegenheit im Atomkrieg ganz zu schweigen. So würde sich später wiederholen, was wir vom vorigen Krieg her bereits kennen: eine Invasion und dann ein Kampf, in dem die Sowjetunion hoffnungslos unterlegen ist, weil jedes gewonnene Gebiet den Westmächten einen Zuwachs fanatischer Kämpfer bringt, die nur einen Wunsch haben werden: Sowjetrußland zu vernichten!

Dies wären die Aussichten für den Kreml, falls er einen Präventivkrieg, einen dritten Weltkrieg, vom Zaune brechen wollte. Gewiß, man soll die Gefahr aus dem Osten nicht unterschätzen, aber man soll auch nicht glauben, die sowjetischen Machthaber seien so dumm, daß sie ihre militärischen Chancen nicht abschätzen könnten. Allerdings heißt dies noch nicht, daß das Politbüro nicht auf andere Weise versuchen könnte, die Spanne zu nützen, die ihm bis zur Vollendung der westlichen Aufrüstung noch gegeben ist. Die moderne Form des Krieges, die der Kreml bevorzugt – wir schrieben dies schon mehrfach – ist der Bürgerkrieg. Die Sowjetunion braucht in ihm nicht selbst in Aktion zu treten, es genügt, wenn sie die Partei unterstützt, die ihn in ihrem Auftrag führt. Solange die Westmächte noch nicht aufgerüstet haben, kann Moskau – wie der Fall Korea zeigt – noch ungestraft mit dem Feuer spielen. Und sein bester Bundesgenosse dabe ist: die Angst.

Angst lähmt wie den einzelnen so ganze Völker und macht sie in ihrem Widerstand unsicher. Die Formen dieser Lähmung sind verschieden, die Wirkung ist immer dieselbe. Ob ein Journalist durch seine Zeitung oder ob ein Politiker auf dem Wege von Handelsgeschäften Kontakt mit den Kommunisten sucht, ob ein Verleger durch Friedenserklärungen, ein Industrieller durch Inserierungen in Kommunistischen Zeitungen oder ob kleine Geschäftsleute durch ihren Beitritt zur Kommunistischen Partei ihre Haut retten möchten, immer ist die Wirkung eine Schwäche der Moral und der Widerstandskraft im Westen. „Verräter, Verbreiter und Komplizen der Kommunisten“, rief kürzlich der italienische Innenminister Soelba auf einem Kongreß der katholischen Arbeiterverbände Italiens aus, „sind alle diejenigen Industriellen, die ihr Kapital ins Ausland in Sicherheit bringen, mit einem Bein in Italien, mit dem anderen in der Schweiz stehen und gleichzeitig insgeheim die Kommunisten finanzieren. Verräter an Freiheit und Unabhängigkeit ihres Vaterlandes sind alle diejenigen, die ein politisches Doppelspiel treiben, um für alle Fälle eine Rückversicherung zu haben, sind die Richter, die aus Angst vor den Kommunisten vor einer strikten Anwendung der bestehenden Gesetze zurückschrecken, sind die Beamten, die mit der kommunistischen Zelle liebäugeln, sind die Arbeiter, die de diktatorischen Methoden und Gewalttätigkeiten der Kommunisten widerspruchslos erdulden.“