Rom, im August

Die Enzyklika, die Papst Pius XII. jetzt der Öffentlichkeit übergeben hat und die nach den ersten Worten des lateinischen Textes Humani generis heißt, wendet sich dogmatisch gegen die Verfechter der Theorie, des Immanentismus, Idealismus, Materialismus und Existentialismus, „sei es, daß sie atheistisch sind, sei es, daß sie die Gültigkeit der Vernunft auf dem Gebiet der Metaphysik leugnen“. Der Papst spricht vom evolutionistischen System und den monistischen und pantheistischen Hypothesen, deren sich „die Parteigänger des Kommunismus bedienen, um sich zu Propagandisten des dialektischen Materialismus zu machen und jeglichen Gottesbegriff den Geistern zu entreißen“.

Die katholische Religion, so sagt Pius XII. in dieser weit ausholenden philosophischen Stellungnahme, lehne es keineswegs ab, den Ergebnissen der modernen Wissenschaft Rechnung zu tragen, doch sei Vorsicht am Platz bei Hypothesen, welche Doktrinen berühren, die in der Heiligen Schrift und auch in der Überlieferung enthalten sind. Indem die Humani generis Anleitungen für die Forschungen auf den Gebieten der Theologie und Philosophie gibt, verurteilt sie den „unvorsichtigen und unkontrollierbaren Geist der Neuheit um der Neuheit willen“, der in Hypothesen mündet, die in direkter oder indirekter Weise gegen die geoffenbarte Doktrin verstoßen. Selbst was den Evolutionismus anbetrifft, gibt Pius XII. zu, daß er – in Übereinstimmung mit dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft und der Theologie – von Seiten der Vertreter beider Gebiete diskutiert werden kann, soweit seine Forschungen nach dem Ursprung des menschlichen Körpers die „präexistierende organische Materie“ betreffen und nicht gegen das katholische Glaubensprinzip der unmittelbaren Gottesschöpfung der Seele verstoßen. In jedem Falle aber behalte sich die Kirche, der Christus das Amt der authentischen Auslegung der Heiligen Schrift anvertraut habe, das letzte Urteil vor.

Die päptsliche Auslegung des Problems des Ursprungs von Universum und Mensch kehrt von neuem zu den elf ersten Kapiteln der Genesis zurück, in denen sich wahre geschichtliche Erzählungen widerspiegelten, ohne daß diese jedoch mit den Kriterien der gewöhnlichen Geschichtskritik gemessen werden könnten. Der wirkliche Geschichtssinn der Genesis leite sich von göttlicher Inspiration ab.

Grundsätzlich betont die Humani generis die Gültigkeit aller bisher von der katholischen Kirche vertretenen Dogmen und verurteilt alle, die widersprechende Thesen vertreten. Sie endet sich vor allem gegen die Verneiner des Wesentlichen Unterschiedes zwischen Materie und Geist, gegen die Verächter der im Trienter Konzil festgelegten Begriffe der Erbsünde und der Sünde im allgemeinen als Beleidigung Gottes, gegen alle diejenigen „Ireniker“, die die Gegner und Abseitsstehenden durch Preisgabe des Dogmas versöhnen und in den Schoß der Kirche zurückführen wollen.

Pius XII., der die Gültigkeit der menschlichen Vernunft vollkommen anerkennt und unterstreicht, indem er ausdrücklich auf Thomas von Aquino hinweist, bestätigt kompromißlos die alte These der römischen Kirche, daß die vom menschlichen Intellekt entdeckten neuen Wahrheiten niemals im Gegensatz zu den grundsätzlichen Prinzipien der geoffenbarten Vahrheit stehen. Damit verurteilt er zur gleichen Zeit die modernen philosophischen Strömungen des Existentialismus, „der die unveränderlichen Wesenheiten der Dinge zurückstößt und sich nur mit der .Existenz’ der einzelnen Individuen beschäftigt“, ebenso wie den Historizismus, „der sich nur an die Ereignisse des menschlichen Lebens hält und die Fundamente aller absoluter Wahrheiten und Gesetze sowohl auf dem Gebiet der Philosophie wie auf dem der christlichen Dogmen zerstört“. Es ist bekannt, daß insbesondere in der französischen Priesterschaft nicht wenige Elemente Beziehungen zu den gegenwärtigen philosophischen Strömungen gesucht haben. Ihre Verurteilung durch die Humani generis bedeutet eine Säuberung der katholischen Doktrin von allen Tendenzen, die zu einer Zerbröckelung der Widerstandskräfte führen könnten, die bisher die Römisch-Katholische Kirche befähigten, sich gegen die atheistischen Strömungen zu verteidigen. Fritz Gordian