Als kürzlich in Chatham die britischen Offiziere ihren Matrosen in die Seemannskiste guckten, fanden sie bei nahezu allen Marinern ein Magazin, betitelt „Das Sowjet-Girl“, darin eine Fülle von nackten und halbnackten Mädchen, Pin-Up-Girls, wie man sie in der westlichen Welt zu nennen pflegt, dazu aber Texte und Artikel, die unverfälschte Äußerungen der östlichen Hemisphäre waren –: scharf kommunistische Propaganda. Weiß der Teufel, wie die Sowjets es fertiggebracht hatten, ihr erotisch getarntes Weltanschauungs-Dynamit den britischen Matrosen zuzustecken! Die britischen Offiziere und Politiker aber, die über das Faktum dieser erotisch-politischen Waffe verblüfft sind, sollten doch wissen, daß Pornographie hier nicht zum ersten Male von einer autoritären Staatsführung als Kampfmittel eingesetzt wurde ...

Damals hieß es, Dr. Goebbels höchstselbst sei auf die Idee gekommen, verschiedene Bilder serienweise durch Flugzeuge über der Maginot-Linie abwerfen zu lassen, damals, als man von einem drôle de guerre sprach. Die Bildchen sahen auf den ersten Blick ganz harmlos aus: Ein Poilu lag traurig-einsam im Dreck des Grabens, hatte ein Gewehr im Arm und Heimweh im Herzen, und darüber wölbte sich ein schmutzig grauer Himmel. Hielt man das Bild aber gegen das Licht, dann sah man im Wolkengrau gleich einer Vision ein Boudoir oder einfach ein Schlafzimmer auftauchen, darin ein Bett, und darin splitternackt die Frau des Poilu –: anstatt im Dreck, wie er, in schneeweißer Wäsche und anstatt, wie er, ein Gewehr im Arm zu haben, einen fremden Kerl im Arm, einen – englischen Offizier. Wie Dr. Goebbels die Franzosen kannte, würde der Poilu schnurstracks wutentbrannt nach Hause rasen... Als nun der Krieg fortschritt und die Engländer militärisch aktiv wurden, ließ Dr. Goebbels, auch diesmal nicht faul, eine neue Serie herstellen, wobei nun amerikanische Offiziere im englischen Home sweet home die Rolle der Briten im französischen Boudoir übernahmen. Und der Erfolg?

Im letzten Kriegsjahr wars, als mir der Zufall die Bekanntschaft eines „Sonderführers“ schenkte, der diese Propagandasparte leitete. Weit entfernt, seinen „Einsatz“ ernst zu nehmen, hatte er in seiner „Kampfpropaganda-Staffel“ lauter flotte Männer um sich versammelt, die sich ebenfalls nur einen Jux daraus machten, die vordringenden Briten anstatt mit Bomben oder Handgranaten mit schmutzigen Postkarten zu bewerfen. Nicht ohne Schalk sagte der „Sonderführer“, er sei als „Kampf-Pornograph“ tätig, wobei er sich selbst den Titel gab, um den die Sowjets sich heute bewerben. Doch was den „Erfolg“ seines „Kampfes“ betraf, so erzählte er, daß er im Gepäck eines Kriegsgefangenen das Exemplar einer englischen Soldatenzeitung gefunden habe und darin ein Inserat, das in der deutschen Übersetzung ungefähr lautete: „Zwecks Vervollständigung meiner Sammlung suche ich mittels Tausch oder Kauf die Bilder drei und sieben.“ Und dazu die Worte: Who may help me? J. M.