Rückblick auf die Salzburger Festspiele

Von Hans Rutz

Salzburg, Ende August

Als Schnittpunkt jener beiden Kulturen, die die äußersten Pole abendländischer Geistigkeit darstellen und im Bühnenwerk Mozarts ihre ideale Verschmelzung erfahren haben, ist Salzburg nach wie vor ein gegebener – angesichts des Kampfes um das europäische Dasein geradezu notwendiger – Sammelpunkt des europäischen Kulturbewußtseins. Man kann über die nur allzu berechtigte Forderung, auch in Salzburg die Tore des Geistes und der Kunst weit zu offen, wohl diskutieren. Es wird aber niemanden geben, der ernstlich eine Verbreiterung der sozialen und künstlerischen Grundlagen der Salzburger Festspiele anfechten möchte. Der Verwirklichung eines „neuen Salzburg“ stehen, wie überall, wo die Tradition ein geistig fundiertes Beharrungsvermögen besitzt, jedoch Gefahren gegenüber, die, wenn sie beschworen werden, gleichzeitig überwunden werden müßten. Der Ruf nach einem Salzburger „Festspiel für das Voll“ ist dabei keineswegs umgehört verhallt; man gibt seit Jahren schon Arbeitern und Angestellten auf dem Wege über die Gewerkschaft die Möglichkeit, die öffentlichen Generalproben zu besuchen. (Leider nicht die der Konzerte, da diese infolge geringer Probenzahl noch als Arbeitsproben gelten müssen.) Die Eintrittspreise für die Aufführungen selbst liegen jedoch so hoch (S. 20, – bis 130,–), daß die einheimische Bevölkerung praktisch ausgeschlossen bleibt. Eine wirkliche Lösung des Problems – Senkung der Eintrittspreise ohne Gefährdung der künstlerischen Qualität – setzt jedoch eine wesentliche Vermehrung der vorhandenen Sitzplätze voraus. Damit rückt wieder der alte Plan eine; neuen Festspielhauses in den Vordergrund, der tatkräftig hätte angegangen werden können, wenn man es nicht vorgezogen hätte, mit dem Projekt einer Salzburger „Musikolympiade“ sich selbst unnötig Konkurrenz zu machen und Wiederaufbaugelder für einen Plan zu verwenden, dessen Durchführung mehr als fragwürdig ist.

Ebenso umstritten ist freilich noch immer der seit 1947 unternommene Versuch, dem grundlegenden Festspielgedanken Hofmannsthals: nicht neue Forderungen aufzustellen, sondern die alten einmal wirklich zu erfüllen, „der Festspielthesen zweiten Teil“ zur Seite zu stellen und gewichtige Werke der Gegenwart gleichsam auf ihre Festspielreife zu erproben. Dies gelang bisher in einem Falle – 1948 mit Carl Orffs „Antigone“ – deshalb überzeugend, weil hier der antike Ursprung des Welttheaters von der Gegenwart aus anvisiert wird, und nicht umgekehrt. Gerade diese neue Forderung aber hängt grundsätzlich mit einer soziologischen Neuordnung Salzburgs zusammen; denn es hat sich in den letzten Jahren mehrfach erwiesen, daß das schöpferische Anliegen der Gegenwart viel unmittelbarer von den kulturell „minderbelasteten“ Volksschichten empfangen wird als von der gesättigten Minderheit.

Freilich: der Maßstab für die schöpferische Leistung der Gegenwart bleibt immer die Vergangenheit, die in Salzburg vom Welttheater im weitesten Sinne repräsentiert wird: dies Jahr von Mozart (Don Giovanni, Zauberflöte), Beethoven (Fidelio), Richard Strauß (Capriccio), Shakespeare (Was ihr wollt), Raimund (Verschwender), und – wie nun schon seit Bestehen der Salzburger Festspiele – von Hofmannsthals „Jedermann“, der immer noch die stärkste Anziehungskraft ausübt und sich diesmal auch gegenüber dem Plan, Honeggers Jeanne d’Arc vor die Domfassade zu bringen, behauptete.

Innerhalb dieses Gesamtplanes, nach dessen „wirklicher Erfüllung“ also zu fragen übrig bleibt, standen Werke wie Brittens „Raub der Lukrezia“ und Blachers „Romeo und Julia“, über deren Salzburger Erstaufführung bereits berichtet wurde („Die Zeit“ vom 15. August) und in den Konzerten Kompositionen von Martina, Strawinsky, Franz Schmidt, Theodor Berger und Bartók. So notwendig eine Erweiterung des festlichen „Spielplans“ auch ist: das Festspiel fordert das Neue jenseits von „Saison“ und „Repertoire“, das Außerordentliche. Der Gedanke liegt nahe, sobald die Raum- und damit die Besucherfrage gelöst werden kann, auf dem Wege des Auftrags Beispiele für das Salzburger Welttheater aus neuem Geiste schaffen zu lassen. Auf keinen Fall aber darf die absolute Qualität, die das Kennzeichen Salzburgs ist, einer übereilten soziologischen „Notlösung“ geopfert werden. Daß Salzburg mit viel Recht den höchsten Maßstab für sich in Anspruch nehmen darf, bewies es auch in diesem Jahre wieder.