Die am letzten Sonntag in Leipzig eröffnet? Herbstmesse hat bisher einen ausgesprochen ruhigen Verlauf genommen. Von 6000 Ausstellern stammen etwas über 500 aus Westdeutschland. Kaum 60 kamen aus dem Aus! and. Unter ihnen sind Holland, die CSR, Ungarn, Österreich, die Schweiz, Italien, Frankreich und die UdSSR zu finden. Westdeutschland ist vor allem aus Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Württemberg-Baden vertreten. Großes Interesse wird den Erzeugnissen aus Offenbach, Solingen und Idar-Oberstein entgegengebracht; auch für Uhren scheint man umfangreichen Bedarf zu haben, wie überhaupt festgestellt werden kann, daß das Warenbedürfnis jenseits des „Eisernen Vorhanges“ auf fast allen Gebieten unvermindert stark ist.

Das Ausstellungsbild ist beherrscht von den Ständen der „volkseigenen Betriebe“ und einer Unzahl von gleichfalls mehr oder weniger staatlich gelenkten Handelsgesellschaften und Genossenschaften, Die absolut kollektive Note wird noch unterstrichen von Produktionsstatistiken, Wunschzahlen, Aktivistenphotos und „Friedenslosungen“ der SED. Neben diesem Aufmarsch verblaßt die Stellung des privaten Unternehmers mehr und mehr. Obwohl die Privatindustrie nach den Statistiken des Leipziger Messeamtes zahlenmäßig am stärksten vertreten sein soll, ist ihre volkswirtschaftliche Bedeutung in der vergangenen Zeit immer geringer geworden, und ihr kaufmännischer Spielraum wurde durch, ein ausgeklügeltes Steuer-, Rohstoff- und Überprüfungssystem mehr und mehr eingeengt. Sieht man die Ankündigung des Leipziger Messeamtes (allein die HO soll bei dieser Messe von westdeutschen Ausstellern für mehrere Millionen Mark Schuhe, Textilien und Lederwaren kaufen) unter dem Gesichtspunkt an, daß die Aktentasche eines Offenbacher Lederhändlers für 25 DM von der HO über den Interzonenhandelsvertrag eingekauft und für 150 Ostmark an den Bewohner der Sowjetzone verkauft wird, dann hat man den Begriff analysiert, den die Ostzone unter Handel versteht. Im Sprachgebrauch der Sowjetzonenregierung nennt man diesen Vorgang „Aufbau aus eigener Kraft“, weil man sich wahrscheinlich scheut, zuzugeben, daß dieser Aufbau auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung geht, für die man sich angeblich so einsetzt.

Leipzigs Messe, die wegen ihres sachlichen Tones als Messe der Bescheidenheit in der ganzen Welt bekannt war, ist durch die ostzonale Zahlenorgie zur Leistungsschau der Maßlosigkeit geworden. Die in den vorhergehenden Messen angeklungene Entwicklung kann als abgeschlossen bezeichnet werden. Ihr Weg von der größten europäischen Verkaufsmesse bis zur Leistungsschau des sowjetzonalen Wirtschaftssystems ist vorgezeichnet. Die heute in Leipzig zur Schau gestellten bewirtschafteten Waren sind überwiegend als qualitativ gut zu bezeichnen. Einige Messezweige, beispielsweise die Spielwarenindustrie, haben ohne Zweifel Weltmarktniveau erreicht. Der Unterschied der Leipziger Messe zu den westdeutschen Messen kann so umrissen werden, daß man sagt: die Ostzonenbevölkerung bekommt in einigen Jahren das zu kaufen, was heute in Leipzig zur Schau gestellt wird, während die westdeutschen Messen ihren Käufern das anbieten, was sie zur nächsten Saison ohne Schwierigkeiten liefern können. B.