Von Grete Tessmer

Mailand, im August

Eine der interessantesten schöpferischen Repräsentantinnen Italiens, die Pädagogin von Weltruf, Prof. Dr. Maria Montessori, wird am 31. August 80 Jahre alt. Im Herbst des vorigen Jahres tagte in San Remo der 8. Internationale Montessori-Kongreß unter ihrem Vorsitz, der 500 führende Jugenderzieher aus allen Kontinenten zusammengerufen hatte. Kürzlich erhielt sie von der Pestalozzi-Weltstiftung in Zürich den Welt-Jugendhilfepreis für 1950.

Maria Montessori erwarb in ihren Studienjahren in Rom vierfachen Doktorgrad: in der Medizin (sie war die erste ausübende Medizinerin Italiens!), in den Naturwissenschaften, in der Philologie und Philosophie. Vom Jahre 1900 ab widmete sie ihr Lebenswerk der Erziehung psychisch anomaler Kinder bis zur Altersstufe von zehn Jahren. 1906 gründete sie in San Lorenzo, einem der bevölkertsten Armenviertel Roms, die erste Casa dei Bambini (Haus der Kinder), in dem sie ihre in den Experimentierjahren ausgearbeitete und erprobte Methode erstmalig im eigenen Haus praktizierte. 1909 legte sie ihre pädagogische Theorie und das daran geknüpfte System in einer Schrift nieder, die ihren Ruf auch außerhalb Europas begründete: „Die Methode der wissenschaftlichen Pädagogik. In schneller Folge erschienen weitere Schriften und Bücher, die bis heute in 22 Sprachen übersetzt wurden. Im Jahre 1913 hielt sie in Rom den ersten „Internationalen Lehrkurs Montessori“ ab zur Vorbereitung geeigneter Lehrkräfte für ihr Unterrichtssystem auf der Basis der Psychoanalyse, an dem Pädagogen aus allen Kontinenten teilnahmen. Die Kurse wurden trotz Behinderung und Unterbrechung durch Kriege laufend und stets von ihr selbst geleitet fortgesetzt. Der 28ste und bisher letzte internationale Kursus fand 1947 in London statt. In sechzig Ländern hat sich die Methode Montessori durchgesetzt. Die stärkste Aktivität erreichte ihr System in Holland, wo unter anderem auch ein „Lyzeum Montessori“ für normale Zöglinge ins Leben gerufen wurde, das bis heute gedeihlich fortwirkt, Auch in Deutschland war die Methode der bedeutenden Pädagogin bekannt und verbreitet, besonders in Berlin, wo ein Institut der „Internationalen Gesellschaft Montessori“ sich Geltung verschafft hatte; aber die Bewegung wurde durch das Nationalsozialistische Regime unterdrückt und aufgelöst.

Die Methode Montessori gründet sich auf die psychologischen Erkenntnisse, die die Ärztin in ihren Studien gewann und nutzbar machte: einen dumpfen, verirrten Sinn, einen abirrenden Geist im leidenden Kinde durch einen einfachen logischen Anschauungsunterricht zu konzentrieren und dem Kinde eine Umgebung zu schaffen, die auf seine Bedürfnisse; sein Aufnahme- und Vorstellungsvermögen zugeschnitten ist, im Mobiliar, in den Lehrinstrumenten, in den Handwerksgeräten und Materialien. Dem psychopathischen Kinde, das gehemmt und verkrampft, teilnahmslos an seiner Umwelt in die Casa dei Bambini eingeschult wird, bringen die Erzieherinnen mit unermüdlicher Geduld den allereinfachsten Vorgang im Ablauf des Alltags zum Bewußtsein und Verständnis. Es lernt sein Tischlein decken, seine Schuhe putzen, Geräte selbst zimmern und anderes mehr. Und ganz nebenbei erlernt es „spielend“ das Abc und das Einmaleins mit Lehrgeräten, die es frei wählen und unbeschränkt benutzen darf,

Aus 43 Jahren Praxis kann die Professoresse die bedeutenden Erfolge ihrer individuellen Behandlung berichten: das anfangs stumpfe starre Kind wird nach verhältnismäßig kurzer Einwirkung der Lehrmethode aufgeschlossen und lebendig, teilnehmend, ja heiter, und ganz allmählich und unmerklich beginnt der Prozeß der Selbsterziehung und der Entwicklung des Intellekts, der es schrittweise dem normalen Daseinsbilde zuführt. Maria Montessori hat ihre Methode auch auf die Elementarschulen normaler Kinder auszudehnen versucht, sie hatte damit allerdings nur Teilerfolge, denn sie stieß hier auf den Widerstand der staatlichen Schulen, die sich auf den Standpunkt stellten, daß eine für psychisch belastete Kinder erdachte und anerkannt segensreiche Methode für normale gesunde Durchschnittskinder eine Gefahr bedeute: die der Mechanisierung, der Einengung des Individuums und der Verlangsamung des Lernens.

Aber unbeirrt durch gelegentliche Gegnerschaft oder Polemiken schafft die tatkräftige Achtzigerin noch heute unermüdlich an der Vervollkommnung ihres Lebenswerkes. Sie bereitet alle Schritte vor, um die Genehmigung zu einer ersten staatlich anerkannten „Montessori“-Schule in Mailand durchzusetzen, die nach dem erfolgreichen Beispiel des Lyzeums in Holland geführt werden soll. Die italienischen Regierungskreise können sich nicht länger den Auslandserfolgen ihrer großen Staatsbürgerin verschließen. Maria Montessori galt während des Faschismus und während der Kriegsjahre in der Fremde mehr als im eigenen Vaterlande. Kürzlich aber schrieb eine Mailänder Tageszeitung: „Wenn unsere Nachbarn sich auf ‚ihren‘ Pestalozzi berufen können, so haben wir ‚unsere‘ Maria Montessori, und ihr Name wird leuchtend eingehen in die Geschichte der Jugenderziehung wie der Pestalozzis!“

Prof. Montessori ist bei allen Welterfolgen einfach und natürlich, eine schöne alte Dame von gewinnender Schlichtheit, die bescheiden eigene Verdienste in den Hintergrund weist, aber temperamentvoll und unerschrocken vor Fürsten und Ministern für ihre Idee zu plädieren weiß. „Kinder“, so führte sie einmal aus, „werden nicht geboren als Faschisten, Bolschewisten, Nazis oder Demokraten –, sie werden erst dazu durch die Umstände, in denen sie aufwachsen. Wären Staatsmänner und Erzieher sich über die Macht von Gut und Böse im aufwachsenden Kinde klar, so würde das Erziehungswesen, oder vielmehr die Pflege der Entwicklung des Menschentums als die bedeutendste der sozialen Fragen angesehen werden. Blumenzüchter haben mit liebreicher Geduld aus der einfachen Rose jene Prachtexemplare gezüchtet, die wir alle kennen. Sollte es nicht unsere vornehmste Aufgabe sein, auf analoge Weise den Menschen hochzuzüchten und zu veredeln?“