Kiel, im August

Es ist zwar viel vom reibungslosen Verlauf der Ausleseprüfungen und der gerechten Auswahl der fähigen Schüler und Schülerinnen für die weiterführenden Schulen gesagt worden, aber noch nichts über die Frage, ob sich denn nun das von der SPD-Regierung überstürzt eingeführte Sechs-Jahre-Grundschulexperiment bewährt hat. Jetzt, nach der Durchführung der Ausleseprüfung und der ein Vierteljahr dauernden Beobachtung der aufgenommenen Schüler läßt sich schon ein einigermaßen abschließendes Urteil fällen. Der „Verein zur Erhaltung und Förderung der Schulbildung“ in Kiel kam in einer sehr lebhaften Diskussion zu dem betrüblichen Ergebnis, daß die sechsjährige Grundschule nicht geeignet sei, die Vorbereitung für die weiterführenden Schulen zu übernehmen; denn erstens ist die Arbeitsweise zum Beispiel der Oberschulen ganz anders als die der Grundschulen, wie die Mitglieder der Prüfungskommissionen durch gegenseitiges Hospitieren beim Unterricht feststellten. Zweitens kommen die begabten Kinder in der undifferenzierten Grundschule zu, kurz, da sich Unterrichtsform und -tempo zwangsläufig nach dem für geistig-theoretische Arbeit minderbegabten Durchschnitt richten müssen. Da die verschiedene Begabungshöhe der Kinder schon sehr früh zu erkennen ist, haben die Grundschulen in Kiel entgegen dem Schulgesetz schon bald Begabtenklassen eingerichtet und diese getrennt von den anderen unterrichtet. Aber auch diese Ersatzklassen für die alten ersten und zweiten Mittelschulklasse und die Sexten und Quinten der Oberschulen haben die Kinder nicht zweckentsprechend vorbilden können, da ihnen die nötigen Fachlehrkräfte und die volle Berücksichtigung des Oberschullehrplans fehlten. Drittens ist die Grundschule auch gar nicht gewillt, diese Vorbildung für die weiterführenden Schulen in erster Linie zu übernehmen, wie ihr Lehrplan betont. Sie ist gezwungen, auf Grund ihrer „Eigengesetzlichkeit“ den Stoff ihrem besonderen Lehrziel entsprechend zu verteilen, und kann auf die Vorbildungsbedürfnisse der anderen Schulen keine Rücksicht nehmen. Da sie nach dem sechsten Schuljahr nur noch zwei bis drei Jahre zur Verfügung hat, muß sie Stoffgebiete, die die Oberschule sehr viel später und in ganz anderer methodischer Durchdringung an ihre Schüler heranbringt, schon im fünften und sechsten Schuljahr behandeln, natürlich durchdringend. mehr orientierend als gedank- und gedächtnismäßig Mit diesem Stoff mechanisch und gedächtnismäßig erlernten Stoff kann die weiterbauen, nichts anfangen, sie kann nicht darauf weiterbauen, sie muß deshalb die Fundamente neu legen. Es der sich herausgestellt, daß die neuen Quarten der Oberschulen in allen Fächern mit dem Sexta- und Quinta-Pensum wieder ein ginnen müssen, weil die Kinder mindestens ein Jahr in ihrem Leistungsstand hinter normal ausgebildeten und nach Quarta versetzten Quintanern zurück sind. Zu diesem Ergebnis kam auch schon die Vertreterversammlung der „Lehrkräfte an den Oberschulen Schleswig-Holsteins“, die vor einigen Wochen in Kiel stattfand.

Die Einführung der sechsjährigen Grundschule bedeutet also keinen Fortschritt, sondern einen katastrophalen Rückschritt in unserm Schulwesen. Der mühsam wiedererrungene Hochleistungsstand der höheren Schule wird durch die von der sechsjährigen Grundschule kommenden Kinder beträchtlich gesenkt. Diese müssen doppelt und dreifach arbeiten, um die unvorstellbar großen Lücken – Englisch fällt ganz aus! – auszufüllen und den Stand der alten Quarten zu erreichen. Es droht für sie die Gefahr der Überbürdung, da sie sich in der beginnenden Pubertätskrise befinden; das bedeutet vermehrte Sorge der Elternschaft.

Es hat sich also herausgestellt: zwei Jahre sind so gut wie nutzlos vertan, und es ist pädagogisch wie sozialpolitisch untragbar, die begabten und die minderbegabten Kinder länger als höchstens vier Jahre gemeinsam zur Schule gehen zu lassen. Eine längere Grundschulzeit schadet allen: für die Begabten bedeutet sie Raub kostbarster Zeit, für die Unbegabten Züchtung von Minderwertigkeitskomplexen. Darum wird von den Eltern mit Recht die Forderung gestellt: Abschaffung des Zwanges zur sechsjährigen Grundschule! Man soll es den Eltern überlassen, ob sie ihr Kind vier Jahre oder länger zur Grundschule schicken wollen. Die sechsjährige Zwangsgmmdschule führt zur Ruinierung unseres Bildungswesens und stempelt die schleswig-holsteinische Schulreform zu einem Versager wegen ihres lebensfremden Parteidoktrinarismus, der vom überlebten klassenkämpferischen Standpunkt und dem sich daraus ergebenden Ressentiment gegen die höhere Schule nicht loskommt und undemokratisch den Willen der Elternschaft mißachtet. Thietz