Der „Internationale Studentenbund“ zählt heute 26 Gruppen. Eine der rührigsten vor. ihnen hat ihren Sitz in Göttingen. In dieser Universitätsstadt dicht an der Zonengrenze hatte sich eine Gruppe junger Leute schon vor Jahren zusammengetan zu kleinen Veranstaltungen – meist kultureller Art. Man las ausländische Dichter, musizierte, debattierte ein bißchen über Demokratie – alles ganz „unverbindlich“ (unverbindlich – für die Älteren sei es gesagt – ist ein Lieblingswort der jüngeren Generation), man tanzte zusammen, und vor allem: man suchte Verbindung mit ausländischen Studenten. Was man wollte, vußten die jungen Leute, die sich hier zusammenfanden, zunächst noch nicht so genau. Aber was sie nicht wollten, darüber waren sie sich ganz einig. Sie hatten erkannt, daß die große Tradition farbentragenden deutschen Studententums nach hundert Jahren des Glanzes durch eine Auferstehung nur die eigene Vergangenheit schmälern würde. Sie verbanden sich mit französischen und amerikanischen Studentengruppen, und allmählich nahmen ihre Ziele eine klare Gestalt an. Sie wollen die Föderation Europas, den engen Kontakt mit der Jugend der Welt, sie fordern die Aufhebung der Völkergrenzen mit jener Radikalität, über die die Politiker schon oft den Kopf geschüttelt haben.

Inzwischen sind einige Jahre vergangen und das Bild der deutschen Universitäten hat ich im Vergleich zu den Jahren 1945/46 verändert. Die alten Verbindungen sind in vielfach neuer Form wiedererstanden. Der junge Student, der zum Beispiel zum ersten Semester in die Universitätsstadt Göttingen fährt, wird schon am Bahnhof von seiner Verbindung abgeholt. Er bekomm ein Zimmer, und man hilft ihm, wo man kann (und wo die Jungen nicht mehr helfen können, da „können“ die „Alten Herren“), kurzum, er fährt von zu Hause nach zu Hause.

Der Internationale Studentenbund kann seinen Mitgliedern – wiewohl sie längst aus „Unverkindlichen“ zu Freunden geworden sind – solche Erleichterungen nicht bieten. Er hat sein ganzes materielles Vermögen in zwei internationalen Treffen verbraucht, dessen letztes er in diesen Tagen mit französischen und amerikanischen Freunden veranstaltete. Man traf sich in Göttingen, wanderte durch den Harz, besichtigte die Reichswerke in Watenstedt-Salzgitter (hier wares, wo eine amerikanische Studentin kopfschüttelnd sagte: „Ich kann es nicht begreifen, daß wir bezahlen müssen, wenn hier abgebaut wird.“); und dann fuhr man nach Berlin, obwohl es die deutschen Behörden für unnötig gehalten hatten. Aber wie gesagt: solche Treffen verschluckten das Geld der Gruppe. Und nirgendwo finden sie Unterstützung. In Worten zwar stimmt man mit ihnen meistens überein, aber bei den Taten hapert es bisher noch sehr. Einmal allerdings, das war bei einem Empfang in Freiburg, war der Festredner selbst in seiner Ansprache mit den Zielen der Gruppe nicht einig. Aber es ist möglich, daß er das damals selbst nicht merkte. Es handelte sich um den südbadischen Staatspräsidenten Wohleb, der in diesem Kreise junger Europäer und Weltbürger eine flammende Rede für den Partikularismus und gegen den geeinigten Südweststaat hielt...

Dem Internationalen Studentenbund fehlt es an Beziehungen, an Protektionen, kurz an allem, was dem akademischen Nachkriegsdeutschland wieder so wichtig geworden ist. Ihm fehlen die „Alten Herren“. Gleichwohl beneidet der Bund die Korporationen nicht. Noch viel weniger aber bekämpft er die Verbindungen. Was so weit auseinanderliegt – so sagen die Studenten des internationalen Bundes – wie ihre Ziele und die unsrigen, hat kaum noch Berührungspunkte und kann sich deswegen auch nicht mehr miteinander streiten. Zwischen den Studenten, die nach Weißenburg fuhren und die Grenzpfähle verbrannten, und denen, die die Mensuren wieder zu schlagen beginnen, klaffen Abgründe. P. H.