Fünf Jahre nach Kriegsende, als Deutschland und die westliche Welt mit höchster Eindringlichkeit die Freiheit für alle noch nicht heimgekehrten Kriegsgefangene! verlangten, verfielen die Sowjets auf einen neuen Trick: sie kurbelten Serien von Verhören, Vernehmungen, Gerichtsverhandlungen an, mit dem Zweck, die Kriegsgefangenen in „Kriegsverbrecher“ zu verwandeln und die Unglücklichen nun erst recht als Arbeitssklaven zu verwenden. Ein Unrecht, wie nie eines grausamer, eine menschliche Tragödie, wie nie eines größer war. Wahrlich, die Sowjets, schon immer unübertroffen in der Kunst der Verschleierung, haben hier ihr Meisterstück geleistet Da es nun keine andere Möglichkeit mehr gibt, das Dunkel dieser Katastrophe ein wenig zu erhellen, hat die „Zeit“ in der vorigen Ausgabe (Nr. 34 vom 24. August) begonnen, Erlebnisaussagen einzelner Heimkehrer zusammenzustellen und zu veröffentlichen. Es ist nur ein Extrakt aus der Überfülle unbezweifelbar objektiven Materials. Dabei brachte die erste Veröffentlichung unter anderen Berichten die Schildedes Spätheimkehrers Dietrich von H., den die Sowjets, weil er aus Hunger einige Pfund Kartoffeln gestohlen, zu zwei Jahre Strafgefangenschaft verurteilten. Mit einer Warnung, die Macht, der Sowjets nicht zu unterschätzen, schließt sein Bericht...

Kein Land der Welt beherrscht die große Kunst des Schweigens so gut wie die Sowjetunion. Darin liegt die ungeheure Stärke des Bolschewismus und auch die große Gefahr für die freien demokratischen Völker. So wußte keiner von den verurteilten Deutschen, Ungarn und Japanern, ob er nach Beendigung seiner Strafzeit „entlassen“, das heißt: in ein normales Kriegsgefangenenlager zurücktransportiert würde oder was mit ihm sonst geschähe. Man konnte nicht mehr daran glauben, daß das Leben noch einmal lebenswert werden sollte, daß man an einen Tisch sitzen, mit Messer und Gabel essen oder gar in einem Bett schlafen sollte. Und doch geschah das Wunder. Nach Beendigung meiner Strafzeit kam ich in ein deutsches Kriegsgefangenenlager zurück. Um gerecht zu sein –: die Verhältnisse in den Kriegsgefangenenlagern hatten sich gegenüber dem Jahre 1947, als ich als, Strafgefangener nach Sibirien geschafft wurde, erheblich gebessert. Die Verpflegung war leidlich, und die Gefangenen hatten Gelegenheit, mit Bergwerk- oder Bauarbeit sich zusätzlich Brot, Butter und Tabak zu kaufen. Eine kleine Bücherei, mit allerdings vornehmlich marxistischlenin- oder -stalinscher Literatur, und eine eigene Theatergruppe sorgten für etwas Unterhaltung und machte das Leben einigermaßen erträglich. Trotzdem beschäftigte natürlich alle die Frage: „Wann kommen wir nun nach Hause, da der Krieg schon über vier Jahre beendet ist?“

Oftmals bin ich nach meiner Rückkehr gefragt worden, was ich vom Bolschewismus, von seiner Idee und Zielsetzung halte und ob er wirklich eine Gefahr für Deutschland und die Welt darstelle. Ja, die Gefahr einer bolschewistischen Weltherrschaft ist groß. Daß diese ganz konsequent, skrupellos und mit Geschicklichkeit angestrebt wird, ist ohne Zweifel. Der Bolschewismus kann sich dabei nach der Unterwerfung der osteuropäischen Länder und Chinas leisten, in „Jahrzehnten zu denken“ und in aller Ruhe seine politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen treffen. Die ganze Wirtschaft ist auf die Hebung dies Kriegspotentials abgestellt, gewaltige Rüstungsbetriebe sind über das riesige Reich verteilt. Das Transportwesen wird ständig verbessert und die Arbeitskraft der 200 Millionen Menschen in schlimmstem Maße ausgenutzt. Da zu viele von dem „System“ leben – nicht nur Heer und Polizei, sondern auch die unzähligen Aufsicht- und Spitzelposten in allen Betrieben und Behörden, vom „Normschreiber“ bis zum „Natsehalnik“, die die Intelligenz bilden und die Macht in Händen, haben –, kann an einen Umsturz des Systems aus eigener Kraft nie gedacht werden. Dazu kommt die staatlich gelenkte Propaganda, die Tag für Tag in Wort und Schrift auf die Massen herniedertrommelt und die Westmächte als „Kriegsstifter“ brandmarkt. Leider konnte ich selbst nur zu oft feststellen, wie eine systematische Propaganda im Laufe der Jahre die Weltanschauung der Menschen umzubilden vermag und sie zu wirklich überzeugten Anhängern der marxistisch-leninschen Ideologie gemacht hat. Ich glaube nicht, daß Sowjetrußland sich zur Zeit schon stark genug fühlt, einen offenen Krieg gegen die Westmächte zu wagen, soweit sich diese entschlossen zeigen, ihre Interessen zu wahren. Der Bolschewismus hat einen offenen Krieg auch nicht nötig. Glaubt er doch, die freien demokratischen Völker von innen heraus unterhöhlen zu können, wobei ihm die Arbeitslosigkeit, Unzufriedenheit und Armut leider die besten Wegbereiter sind ...

Was die Heimkehrer ohne Ausnahme immer wieder betonen, ist der Satz, daß manches Rätsel um die bis heute nicht heimgekehrten Kriegsgefangenen allein aus der Eigenart der „russischen Seele“ und der sowjetischen Methodik zu ergründen sei. Eines ist sicher: die Sowjet-Mentalität kennt den unverwechselbaren Wert der Einzelpersönlichkeit nicht, sie huldigt der Zahl, und der russische Mensch hat gerade darin gelernt, wohl oder übel zu gehorchen. Sein höchstes Gebot ist, ein „Soll“ zu erfüllen. So erhält die menschliche Tragödie der Gefangenen in Rußland jene grotesken Züge, durch die ihre Frivolität ins bisher Ungeahnte gesteigert wird – Hans Wilhelm G., der Ende 1949 heimkehrte, berichtete, wie er schon bei seinem Transport nach Rußland im Jahre 1945 das „Gebot der Kopfzahl“ kennenlernte, und fügte hinzu, an diesem Gesetz habe sich nie etwas geändert, so daß nach seiner Ansicht mancher unter den Gefangenen nicht dem Hunger, nicht der Kälte, nicht den Mißhandlungen zum Opfer gefallen sei, wie so viele, sondern ganz einfach der Statistik.

Zu Beginn unserer Gefangenschaft, als der Eisenbahnzug ostwärts und immer weiter ostwärts rollte, hatte da und dort ein Kamerad Gelegenheit, durch eine schmale Türlücke zu entspringen. Der Posten schoß hinter ihm drein. Traf er oder traf er nicht – in jedem Falle war der Posten der Dumme. Deshalb suchte er für den Entlaufenen einen „Ersatzmann“. Er griff–ob in der Tschechoslowakei, in Ungarn oder in Rumänien – einfach irgendeinen neuen Main, um die Kopfzahl auffüllen zu können. Die Zahl mußte stimmen, sonst wehe ihm! Woher aber „Ersatzmänner“ . nehmen? Dies Problem schien nur schwierig zu sein; es wurde sehr einfach gelöst. Zum Glück für den russischen Posten trafen wir damals schon Kriegsgefangenentransporte aus der UdSSR. Es handelte sich um Kranke und Siedie, die den Sowjets als Arbeitssklaven ohnehin nichts nützen konnten, einerlei ob es sich dabei um „Kriegsverbrecher“ oder „Angehörige verbrecherischer Organisationen“ handelte. Dies waren ja Begriffe, die sich erst später in der Sowjetunion herausbildeten. Kurz, aus diesem „Kontingent“ nahmen unsere Wachposten die erforderliche „Stückzahl von Ersatzmännern“. Ob arbeitsfähig oder nicht – die Hauptsache, die Liste stimmte bei der Ablieferung! Und der „bestohlene“ Posten des Heimtransportes? Der konnte ja sehen, wie er seine Kopfzahl, über die er „quittiert“ hatte, zusammenbrachte. Es gab ja in den Balkanländern viele müßig auf Bahnhöfen herumstehende Männer. Schnell ein Griff, und der erstaunte Rumäne befand sich auf der „Heimfahrt nach Deutschland“. Warum viele Worte und Bedenken! Nur mußten die Posten auf diese „Beutedeutschen“ besonders achten, damit sie nicht auskniffen und Scherereien machten.

Allen Kriegsgefangenen in der UdSSR war zum Jahresende 1948 die Heimkehr versprochen worden. Die „Nachrichten“, die in Moskau erscheinende deutsche Kriegsgefangenenzeitung, brachte im Herbst 1948 immer wieder optimistische Betrachtungen über den Rest der Arbeitszeit für die Kriegsgefangenen im sozialistischen Staate. Wir Kriegsgefangenen sollten in der kurzen, uns noch zur Verfügung stehenden Zeit aus vollen Kräften zeigen, daß wir willens seien, unser Bestes zu tun, um im Herzen der Russen den Gedanken zu hinterlassen, es sei uns ehrlich mit dem Wiedergutmachungswillen gewesen. Die Heimkehr zum Jahresende 1948 werde der wohlverdiente Lohn für ehrliche Arbeit sein. Das Jahr ging zur Neige. Es wurde kalt. Plötzlich wurde bei uns, im Lager Begetowka bei Stalingrad, eine. Lagerversammlung einberufen. Ein russischer Offizier von der Uwablenia, der vorgesetzten Stelle über mehrere Lager am Orte, wolle, so hieß es, eine Erklärung abgeben.

„Ich habe Ihnen folgende Erklärung abzugeben“, sagte er. „Die Rückführung der Kriegsgefangenen wird sich noch in das Jahr 1949 hinziehen.“ Die Erregung und die Enttäuschung waren so groß, daß drei Kriegsgefangene sich erlaubten, Fragen zu stellen.