Noch wenige Wochen vor der Regierungsbildung in Schleswig-Holstein hatte der Parteivorsitzende des Bundes der Heimatvertriebenen und Entrechteten, Waldemar Kraft, von einem Zusammenschluß mit dem deutschen „Wahlblock“ nichts wissen wollen. Er hatte – nach seinen eigenen Worten –eine Regierung auf „breitester Basis“ erstrebt, an der auch die bisherige und in der Wahl gerade vom B.H.E. so schwer angeschlagene Regierungspartei, die SPD, teilnehmen sollte. Inzwischen sind in das frühere Admiralitätsgebäude in Kiel nun doch nur Minister des Wahlblocks und des B.H.E. eingezogen. Mit 46 Stimmen verfügen diese beiden Parteien über die nötige Zweidrittelmehrheit, und Waldemar Kraft selbst wurde stellvertretender Ministerpräsident und Finanzminister.

Damit hat der heute 52jährige Landwirt aus Posen eine Stellung erreicht, von der aus er den „Heimatvertriebenen und Entrechteten“ Schleswig-Holsteins jene Hilfe zuteil werden lassen kann, die sie unter der SPD-Regierung vermißen. Freilich werden nicht nur Schleswig-Holteins, sondern ganz Deutschlands Flüchtlinge Auf den Mann sehen, der als Parteiführer des B.H.E. wohl auf jeden Fall etwas von jener Hilfe Wirklichkeit werden lassen muß, die bisher noch jede westdeutsche Partei im Wahlkampf den Flüchtlingen versprach. Kraft selber teht nicht zum erstenmal im öffentlichen Politiken Leben. Geboren am 19. Februar 1898 in Posen, Teilnehmer am ersten Weltkrieg, war er schon seit1921 Hauptgeschäftsführer des Hauptvereins der deutschen Bauernvereine, der entralen Berufsorganisation aller deutschen Landwirte im Posener Gebiet. Im Jahre 1929 wurde er zum ständigen Vertreter der deutschen Landwirtschaft Polens beim internationalen Verband der Landwirtschaft in Paris ernannt.

Wie Waldemar Kraft damals auf dem leichten und zur Beweglichkeit zwingenden Pariser Boden gewirkt haben mag, davon kann man sich schlecht eine Vorstellung machen. Denn seine ganze Persönlichkeit scheint schwer, abwartend, zäh – freilich nicht phlegmatisch – und mit jenem gerüttelten Maß von Bauernschläue behaftet, die auch in der Politik schon so manchem die fehlende diplomatische Geschicklichkeit ersetzt hat. Seine abwartende Haltung bewies Kraft nach seinem Wahlerfolg in Schleswig-Holstein zunächst bei der Regierungsbildung. Daß er sich schließlich doch mit dem deutschen Wahlblock zusammengetan hat, begründete er selbst damit, daß das Land endlich eine Regierung haben müsse. Die ausmanöverierte SPD dagegen gibt dazu einen anderen Kommentars Kraft habe sich deswegen mit dem Wahlblock verbündet, weil er sich für die Rückgewinnung der deutschen Ostgebiete um jeden Preis einsetze – die SPD aber von einer Remilitarisierung Westdeutschlands nach wie vor nichts wissen wolle.

Ob solche Erwägungen bei der Regierungsbildung für Kraft wirklich eine Rolle gespielt haben, ist fraglich. Aber sie werfen eine andere Frage auf: Was wird eigentlich aus der Partei der Heimatvertriebenen, wenn die Entrechteten eines Tages keine Entrechteten mehr sind? Und das könnte ja doch erreicht werden – auch ohne die Rückkehr in die alte Heimat. Es ergäbe sich dann also der seltsame Fall, daß eine Partei sich auflösen muß, wenn sie ihr Ziel erreicht hat. Und eine Partei im Erfolg aufzugeben, scheint Zumindestens in Deutschland fast so schwer wie die Auflösung einer Behörde. Wird Waldemar Kraft, der Mann, dem es gelang, in wenigen Wochen des Wahlkampfes seinen Anhang zu sammeln, zu organisieren und zur zweitstärksten Gruppe des Landes Schleswig-Holsteins zu machen, dann wieder Privatmann werden? Oder wird er Freude daran bekommen haben, Politiker zu sein und sich nach neuen Zielen umsehen? „Er ist kein Demagoge, er ist nur ein harter Mann“, sagen seine Anhänger.

Vorläufig allerdings ist Kraft sehr vorsichtig. Noch nicht einmal mit der „Deutschen Gemeinschaft“ August Hausleitners in München – einer Partei, die in Bayern die Flüchtlinge für den Wahlkampf zusammenfassen möchte – will Kraft sich vereinen. Und von dem Bund der Heimatvertriebenen, den Heinz Huber ebenfalls in Süddeutschland gründete und dem auch noch der Bund der Kriegs- und Fliegergeschädigten angehört, distanzierte er sich deutlich. Vorläufig scheint es ihm tatsächlich nur um das Glück der Flüchtlinge Schleswig-Holsteins zu gehen.

P. H.