Ernst Wiechert, der ostpreußische Erzähler und Publizist, ist dreiundsechzigjährig in Ürikon am See nach einer Operation gestorben.

Vielleicht war dies das paradoxeste aller Dichterschicksale in unseren Tagen: der Mann, der aufgebrochen war, den „Weg nach innen“ zu Ende zu gehen, der vor aller Öffentlichkeit mit Sehergebärde die Abkehr vom öffentlichen Dasein und die Hinwendung zum „einfachen Leben“ vollzog, der keine andere Heilung für diese Zeit fand als in einer neuen „pädagogischen Provinz“ die Ehrfürchte still zu hüten – eben dieser Mann wurde nicht nur mit lautem Ruhm behängt, sondern bald auch genötigt, sich den politischen Mächten als Kassandra entgegenzustellen. Sie verfuhren mit ihm, wie es verblendeten Trojanern von heute ansteht: sie sperrten ihn ein, in Buchenwald, dem „Totenwald“ auf dem Ettersberg bei Weimar. Haft und Zwang konnten ihr. nicht verwandeln. Aber sie trieben ihn an, die Frage nach dem Sinn des Bösen immer radikaler anzugehen. Das Vertrauen auf die pädagogische Provinz war für Ernst Wiechert dahin – nicht nur im Dritten Reich, sondern auch nachher. Es entsetzte ihn, wie die politischen Leidenschaften weiter dominierten, bei allen. Er kehrte seinen Verehrern und seinen Kritikern den Rücken. Er ging in die Schweiz – nicht im Unklaren, daß jeder Wohlmeinende ihm das verargen werde. Sein letztes Werk, rigoroser noch und allem Bündischen abholder als die vorigen, bezeichnete er selbst als „Messe ohne Namen“ (Missa sine nomine, Kurt Desch Verlag, München, 556 S., DM 11,–). Es trägt, Wiecherts masurischer Herkunft durchaus angemessen, die Züge ostchristlieber, genauer: Berdjajewscher Religiosität, „Von mir weiß ich, daß ich in die Hölle komme“, pflegte Berdjajew zu sagen, „alle anderen kommen, wie ich hoffe, ins Paradies“. Und Wiecherts Pfarrer Wittkopp: „Solange man ein Urteil spricht, außer über sich selbst, ist vieles verloren“. C. E. L.